Samstag, 4. Januar 2014

Wie lebe ich mein Leben wirklich? - Das erstaunliche Leben des Walter Mitty




©20th Century Fox


Walter Mitty ist das, was man gemeinhin als Tagträumer bezeichnen würde. Seinem eintönigen Leben verleiht er regelmäßig Würze, indem er sich in seine eigene Fantasie flüchtet. Dort ist er Superheld, Charmebolzen, Frauenheld und Abenteurer – alles zugleich. Im wahren Leben sieht das allerdings ganz anders aus. Als Archivar der Negative des renommierten „Life“-Magazins ist es seine Aufgabe Fotos zu entwickeln. Die Printausgabe der Zeitschrift wird allerdings eingestellt und Entlassungen nehmen überhand. Es ist Walters Aufgabe das letzte Cover der Zeitung zu entwickeln, das Starfotograf Sean O’Connell ausgewählt hat. Doch das Negativ lässt sich nirgends finden. Walter muss nun all seinen Mut zusammennehmen und dem Phantom O’Connell durch die ganze Welt folgen. Alles, um die letzte Ausgabe zu vollenden und gleichzeitig sich selbst neu kennenzulernen.
Die Erwartungen an „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ hätten nach dem großartigen Trailer letztes Jahr nicht höher sein können. Er versprach eine fantastische Reise gleichwohl durch die Welt, als auch hin zu elementaren Fragen, die den Menschen Zeit seines Lebens beschäftigen. Wundervolle Bilder, gepaart mit passender Musik und einer Geschichte, die zu Herzen geht. Nun, so ganz kann das der fertige Film leider nicht einhalten. 

Regisseur Ben Stiller, der sich jetzt in einem Alter befindet, in dem bloße Kalauer nicht mehr reichen, wagt sich mehr und mehr an ernstzunehmende Themen heran. „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ ist dabei sein bisher anspruchvollstes und ambitioniertestes Werk. Es besteht auch kein Zweifel, dass in Walter Mitty ein wenig von ihm selbst steckt. Immer wieder packt er Verweise auf seine eigene Jugend, bzw. sein eigenes Leben mit ein. Wenn Walter von seinen Skate-Erfahrungen spricht, ist es Stiller, der ihm jene Worte in den Mund legt. Schließlich bewegte sich Ben Stiller selbst früher in der Szene. Auch der Soundtrack, zumeist bestehend aus 80er Jahre Songs, zeugt von Stillers Verbundenheit zu seiner eigenen Vergangenheit. Für ihn ist es wichtig, sich an vergangenen Dingen festzuhalten, sie mit sich zu tragen. Das überträgt sich voll und ganz auf seinen Film. Walter Mitty ist ein Mann mit einem aussterbenden Beruf, der im Verlauf der Handlung wieder an einen bestimmten Punkt seiner Jugend springt und dadurch erkennt, wer er wirklich ist. Auch der Fotograf Sean O’Connell wird zu einem Relikt aus vergangenen Tagen stilisiert. Schließlich verwendet er weder Handy, PC oder Digitalkamera. Hier schreit Stiller dem Publikum seine Botschaft förmlich ins Gesicht: Fortschritt ist nicht besser. Technik beschleunigt die Welt und der Mensch verliert das Bewusstsein für den Augenblick. 

Subtil ist das gewiss nicht, aber das sei „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ verziehen. Was mehr stört, ist die fehlende charakterliche Bindung. Selten fiebert der Zuschauer mit. Er verfolgt Walters Werdegang ohne in Jubelstürme auszubrechen oder gerührt zu sein. Die besten Szenen gab es schon im Trailer, weswegen manch anderer Tagtraum ein wenig seltsam wirkt. Dafür belohnt Stiller den Zuschauer mit schlicht umwerfenden Panoramen. Der Film dürfte für Grönland und Island denselben Effekt haben, wie „Der Herr der Ringe“ für Neuseeland. Wer nach Ansicht von „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ nicht dieselben Orte besuchen will, sollte sich untersuchen lassen. Einfach wunderschön. Natur pur und frei von jeglicher Technologie, womit wir wieder bei Stillers Botschaft wären. 

©20th Century Fox
Erst gegen Ende, sobald Walter sein Ziel erreicht hat, schafft es der Film auch auf emotionaler Ebene zu berühren. Wenn Walter und Sean still dasitzen, den Moment genießen und das gesamte Kino schweigt – ja, dann versteht der Zuschauer Ben Stiller ein wenig besser und der Film wirkt nicht nur als bloße Tourismuswerbung. So bringt Stiller seinen Film doch noch zu einem versöhnlichen Abschluss, auch wenn die vorangegangenen Minuten einen schalen Nachgeschmack hinterlassen. 


©20th Century Fox
BEWERTUNG: 6,5/10
Titel: Das erstaunliche Leben des Walter Mitty
FSK: ab 6 freigegeben
Laufzeit: 115 Minuten
Regisseur: Ben Stiller
Darsteller: Ben Stiller, Kristen Wiig, Patton Oswald, Sean Pean, Adam Scott, Shirley MacLaine






1 Kommentar: