Freitag, 17. Januar 2014

Vom freien Mann zum Sklaven - Tragisches Schicksal in "12 Years A Slave"!




©Tobis

Die Oscarsaison ist angebrochen und die Favoriten sind zahlreich vertreten. Der vielleicht aussichtsreichste Kandidat „12 Years A Slave“ heimste sogleich 9 Nominierungen ein. Auf den ersten Blick könnte man der Academy fehlenden Mut unterstellen. Filme, die eher dunkle Kapitel der amerikanischen Geschichte behandeln(z.B. zuletzt „The Help“) und gemeinhin als „Betroffenheitsfilme“ abgeschrieben werden, stehen hoch im Kurs. Wer allerdings „12 Years A Slave“ als typischen Film dieses Pseudo-Genres betitelt, tut ihm unrecht. 

Nachdem Quentin Tarantino letztes Jahr mit „Django Unchained“ schon erste Debatten über afroamerikanische Sklavenhaltung in den USA auslöste(und das obwohl deutlich ironisch überspitzt dargestellt!), dürfte das Werk von Regisseur Steve McQueen deutlich höhere Wellen schlagen. Das Schicksal des Solomon Northup ist in seiner Brutalität schlicht unglaublich und wahnsinnig intensiv.
Basierend auf dem Bestseller „12 Years A Slave“ aus dem Jahre 1855 erzählt der Film die Leidensgeschichte des Afroamerikaner Northup, der seiner Freiheit beraubt und in den Süden verschleppt wird. Frau und Kinder sieht er nicht wieder, stattdessen muss er für weiße Plantagenbesitzer unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Die Jahre vergehen und langsam aber sicher verliert Northup jegliche Hoffnung…

Der Ausgang dieser Geschichte mag bekannt sein, schließlich ist Northup selbst der Autor des biographischen Buches, doch nichtsdestotrotz ist das Geschehen ungemein mitreißend. Regisseur McQueen verpackt Northups Leidensweg in überirdisch schöne Bilder, die im schrecklichen Kontrast zu seinen Erlebnissen stehen. Der äußerst renommierte Cast reiht sich überraschend problemlos in den Film ein. Seien es Paul Giamatti, Benedict Cumberbatch, oder Michael Fassbender. Vor allem Letzterer ist schier angsteinflößend und sorgt in Zusammenspiel mit Chiwetel Ejiofor alias Northup für gebanntes Schweigen im Kinosaal. Beide dürfen zurecht auf einen Goldjungen hoffen und vor allem Ejiofor ist mit seiner ergreifenden Darbietung wohl endlich in der ersten Riege angekommen. Nur Brad Pitt in seiner Rolle als blonde Jesus-Figur hätte ein wenig mehr Screentime vertragen können. So wirkt sein Charakter einfach schnell eingeworfen. 

„12 Years A Slave“ dürfte im Mainstreamkino wohl die ehrlichste Abhandlung über Sklaverei in Amerika sein. Die Brutalität, mit der die Plantagenbesitzer ihre Nutzmenschen ausbeuteten, das Leben, das diesen Namen eigentlich nicht verdient hatte. McQueen scheut sich nicht davor, sämtliche unangenehmen Seiten dieses dunklen Kapitels amerikanischer Geschichte zu beleuchten. Er lässt das amerikanische Publikum, das bekanntermaßen patriotisch und stolz ist, tief in den Abgrund blicken. Mit aller Kraft stößt er den Finger in diese einigermaßen frische Wunde und stochert mit Hilfe Northups darin herum. Das tut weh, ist in höchstem Maße unangenehm und doch wert, erzählt zu werden. Besondere Kraft entwickelt der Film durch gelungene Bildmontagen. So lässt McQueen seinen Hausdarsteller Fassbender vor seinen Sklaven aus der Bibel predigen, während der niederträchtige Vorsteher das Lied „Run, Nigger, Run“ im Hintergrund singt. Diese Doppelmoral lässt den Zuschauer oftmals erschauern. 


©Tobis

Ob der Film denselben Einschlag haben wird, wie das gleichnamige Buch, wird sich noch zeigen. Nach Erscheinen entwickelte es sich zu einem Bestseller und entfachte landesweite Diskussionen über Sklaverei. Northup reiste durch das gesamte Land um Vorträge darüber zu halten. Einige Jahre später begann der amerikanische Bürgerkrieg, der bekanntlich die Sklavenhaltung verbot. Northups Buch hatte dies vielleicht nicht ermöglicht, aber zumindest geholfen, der afroamerikanischen Minderheit im Norden Gehör zu verschaffen. 

Der Film selbst ist zumindest eine ehrliche und schonungslose Abrechnung mit einer Zeit, in der Menschenleben wenig zählten. Zumindest diejenigen, die zu schwach waren, um sich zu wehren. In seinen Schlussminuten entfaltet er noch einmal sämtliches Potenzial und berührt, ohne auf Teufel komm raus auf die Tränendrüse drücken zu wollen.  Aber für einige dürfte das sowieso wieder unter „Betroffenheitsfilm“ und „Amerika feiert sich selbst“ laufen. Ist klar. 


©Tobis
BEWERTUNG: 08/10
Titel: 12 Years A Slave
FSK: ab 12 freigegeben
Laufzeit: 135 Minuten
Regisseur: Steve McQueen
Darsteller: Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Benedict Cumberbatch, Paul Giamatti, Paul Dano, Sarah Paulson, Brad Pitt, Garret Dillahunt, Michael Kenneth Williams, Quvenzhane Wallis




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