Dienstag, 28. Januar 2014

Eine Familie, eine verdrängte Vergangenheit und ein zerstörerisches Geheimnis - "Le Passè"





AB 30.1.2013 IM KINO! ©Studiocanal
Der iranische Regisseur Asghar Farhadi ist wohl das, was gemeinhin unter dem Label Ausnahmetalent verstanden wird. 2009 schon erhielt er für seinen Film „Alles über Elly“ auf der Berlinale den silbernen Löwen für die beste Regie. Sein Durchbruch gelang ihm 2011 mit dem Erfolg „Nader und Simin – Eine Trennung“, wofür er sogar den goldenen Bären in Empfang nehmen durfte. Nun hat er mit „Le Passé“ einen weiteren Film vorgelegt. Zum ersten Mal filmte er außerhalb des Irans und wählte Frankreich bzw. Paris zu seinem Handlungsort. 

Hier widmet sich Farhadi einer Familie, die eigentlich keine mehr ist. Marie Brisson (Berenice Bejo aus „The Artist“) bittet ihren Ex-Mann Ahmad (Ali Mosaffa) nach Paris zurückzukehren um die Scheidung auch offiziell zu vollziehen. Solange die Formalitäten geregelt werden, soll er im selben Haus, wie Marie und die drei Kinder wohnen. Allerdings läuft einiges nicht so wie geplant, denn Marie hat inzwischen wieder einen Freund (Tahar Rahim), was vor allem für die älteste Tochter schwer zu verdauen ist. Die Spannungen zwischen sämtlichen Parteien wachsen und wachsen, die Vergangenheit köchelt vor sich hin und steht kurz davor, die Familie zu entzweien. 

Keine Frage, Asghar Farhadi versteht es, die komplexen Beziehungen seiner Figuren zu vertiefen und sie zum Ende hin auseinanderzureißen. In seinen Filmen gibt es kein Kampf Gut gegen Böse. Hier hat jeder sein eigenes Päckchen zu tragen, was im weiteren Verlauf des Films schon fast epische Ausmaße annimmt. Farhadi beleuchtet sämtliche Charaktere ausführlich, gewährt ihnen genügend Raum um mehr zu sein, als bloße Schablonen und Stichwortgeber. Die eigentliche Hauptperson Ahmad wird zeitweise vom übrigen Ensemble verdrängt. Jedoch nicht, weil seine Entwicklung nicht interessiert, sondern weil sämtliche Menschen (die Bezeichnung Figuren würde den Realismus des Skriptes nur schmälern) ihre Daseinsberechtigung haben. 

©Studiocanal
Dabei kommen dem Film die hervorragenden Darsteller nur zu Gute. Die bezaubernde Berenice Bejo, die schon in „The Artist“ die Herzen höher schlagen ließ, erlebt der Zuschauer nun auf eine wohltuend andere Art und Weise. Auch ihr Filmpartner Tahar Rahim („Ein Prophet“) gefällt durch sein zurückgenommenes Schauspiel. Allen die Show stiehlt jedoch Ali Mosaffa, der durch seine ruhige, gefasste und menschliche Art das Publikum sofort für sich einnimmt. Das Drehbuch macht es ihnen allerdings auch einfach. Schließlich sind die Dialoge famos geschrieben, was nicht verwundert, denn Regisseur und Perfektionist Farhadi hat auch hier die volle künstlerische Kontrolle. Da passt es auch, dass er für kleine Szenen manchmal einen ganzen Drehtag aufwendete, weil beispielsweise eine Haarsträhne falsch fiel, oder eine Handbewegung nicht seiner Vorstellung entsprach. 

So ganz kann Farhadi allerdings nicht von seiner Heimat Iran lassen. Nicht nur, dass Hauptfigur Ahmad gebürtiger Iraner ist, nein, auch die Story hat seinen Ursprung im Umgang seines Heimatlandes mit der Vergangenheit. Die Wahrheit wird verdrängt und verleugnet, nur um weiter zu machen und auf diesem schwankenden Gebilde der Verdrängung nicht einzustürzen. Eben das passiert auch in „Le Passè“. Die Beteiligten sprechen ihre Probleme nicht aus, leben weiter und versuchen zu vergessen. Doch die Erinnerungen bleiben und setzen sich fest, bis es zu spät ist. Hier entwickelt der Film eine gewisse Sogkraft, der man sich nicht enziehen kann. 

Allerdings, das muss gesagt werden, ist „Le Passè“ mit seinen 130 Minuten ein Stück zu lang. Manche Szenen wirken ein wenig in die Länge gezogen und bringen das Drama um ein Stückchen seiner Durchschlagskraft. Der Sinn hinter diesen bestimmten Passagen erschließt sich dem Betrachter recht schnell, doch zwanzig Minuten weniger hätten nicht geschadet. Vielleicht ist „Le Passè“ aber auch einfach kein Film, den man sich spät abends ansehen sollte und benötigt die vollste Konzentration des Zuschauers. Nicht auszuschließen ist eine Aufwertung nach Zweitsichtung, denn Farhadis Art, Szenen zu arrangieren und seine Darsteller zu führen, sollte ein weiteres Mal genossen werden.

©Studiocanal
BEWERTUNG: 6,5/10
Titel: Le Passè
Laufzeit: 130 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Regisseur: Asghar Farhadi
Darsteller: Bèrènice Bejo, Ali Mosaffa, Tahar Rahim, Pauline Burlet, Babak Karimi










Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen