Freitag, 20. Dezember 2013

Zwei Frauen, Liebe, Hass, Bedauern - Blau ist eine warme Farbe



©Alamode Film

Es dürfte wohl dieses Jahr keinen anderen Film geben, der die (europäischen)Kritiker so einhellig begeisterte, wie „Blau ist eine warme Farbe“.

In Cannes gab es für das mutige Werk nicht umsonst die goldene Palme und eben jene euphorischen Filmkritiker. 

Basierend auf der Graphic Novel „La Vie D'Adele“ erzählt der Film aus dem Leben der jungen Frau Adele. Sie studiert gerade und ist fasziniert von Literatur. Später einmal möchte sie Lehrerin werden und Kinder haben. Vollkommen unvermittelt wird sie aus ihrem geordneten Leben gerissen, als sie ahnungslos eine Straße überquert. Ihr Blick kreuzt den einer Frau mit blauen Haaren. Ihr Herz beginnt zu rasen, geschockt bleibt sie einfach stehen. Die Unbekannte läuft an ihr vorbei, ähnlich verwirrt und entfernt sich wieder. Adele, völlig benommen, weiß nicht, was mit ihr passiert ist. Stockend setzt sie wieder einen Fuß vor den Anderen. Im Wissen, dass gerade etwas Elementares passiert ist, allerdings zu unmittelbar, als dass sie diesen Moment gänzlich erfassen könnte. Ihr Leben beginnt sich nun um 180 Grad zu drehen und dem Zuschauer eröffnet sich in den folgenden drei Stunden eine wunderschöne Liebesgeschichte. 

Man muss Regisseur Abdella Kechiche hoch anrechnen, dass in der immensen Laufzeit von 180 Minuten keine einzige Länge zu finden ist. Der Charakter der Adele wirkt einfach so echt und plastisch, als würde der Zuschauer gerade einem echten Menschen zusehen. Dieser Effekt wird durch die an den Darstellern förmlich klebende Kamera noch unterstützt. Stets nah am Geschehen, vermittelt sie das Gefühl, einem Dokumentarfilm beizuwohnen. Das Publikum bekommt jeden Makel, jede Eigenheit – einfach den gesamten Menschen Adele auf schonungslose Art und Weise mit. Das ist zuweilen wunderschön, dann schmerzhaft und später äußerst unangenehm. Eben wie das richtige Leben. Menschen begehen nun mal Dummheiten, reißen sich selbst das Herz heraus und versuchen es selbst wieder zusammenzuflicken. Hier besitzt „Blau ist eine warme Farbe“ eine unglaubliche Strahlkraft. 


©Alamode Film

Kechiche kann allerdings von Glück reden, dass er mit Newcomerin Adele Exarchopoulus und Lea Seydoux zwei Darstellerinnen gefunden hat, die sich die Seele aus dem Leib spielen können. Sie beweisen immer wieder Mut zur Hässlichkeit. Kein Make Up, oftmals schlimme Augenringe, fettige Haare, Pickel und Hautunreinheiten. Weinen, Schmatzen, Lachen, lieben. Alles zugleich. Dazu gesellen sich noch explizite Sexszenen, die Seydoux und Exarchopolous alles abverlangen. Sie präsentieren sich der Kamera (also uns) komplett nackt, geben sich vollkommen hin. So gut wie echter, unchoreographierter Sex, oftmals in minutenlangen Einstellungen. Hut ab für soviel Mut. Kein Wunder, dass beide Darstellerinnen beteuerten, sie würden niemals mehr mit Kechiche zusammenarbeiten wollen. Wobei Exarchopoulus dies wieder revidierte. 

Sei es wie es sei. „Blau ist eine warme Farbe“ präsentiert die Liebe zweier Frauen als etwas vollkommen Normales. Lediglich zu Beginn wird Adeles Coming Out thematisiert, was sich in einer besonders packenden Szene mit ihren ehemaligen Freundinnen manifestiert. Doch ihre Homosexualität rückt mit fortschreitender Laufzeit immer weiter in den Hintergrund. Es geht nur noch um die Liebe zwischen zweier Menschen. Ganz gleich, ob schwul, lesbisch oder hetero. In Zeiten, in denen allerorten noch für gleiche Rechte gekämpft werden muss, ist die Herangehensweise Khatifs an diese Themen ungemein beruhigend und originell. 

„Blau ist eine warme Farbe“ zeichnet ein vordergründig realistisches Bild einer Beziehung zweier Frauen, die sich bedingen. Sobald Beide eine Szene teilen ist die Luft wie elektrisiert. Ihre Blicke, grenzenloses Verlangen und die Lust im Anderen zu versinken, sich komplett fallen zu lassen – ja – in diesen Momenten ist der Film am Besten. 

Allerdings scheint die Autorin der Vorlage Julie Maroh von der Umsetzung gar nicht überzeugt zu sein. Vor allem die Sexszenen beschreibt die bekennende Lesbe als unglaubwürdig und pornographisch. 

Den Vorwurf der Unglaubwürdigkeit kann der Autor dieser Zeilen als Hetero (und Mann) nicht entkräften. Deshalb bleibt ein schaler Nachgeschmack in Bezug auf den Realismus des Films. Dennoch ist „Blau ist eine warme Farbe“ ein beachtliches Stück Film geworden. Er fängt die Liebe zwischen zwei Personen auf eine Weise ein, wie selten zuvor. Adele und ihre Geliebte Emma wirken in ihrem Verhalten dem wirklichen Leben entsprungen. Inwieweit Julie Maroh die lesbischen Themen in diesem Film verpackt sieht, steht auf einem anderen Blatt. Aber darum(also das Leben als Lesbe) ging es dem Exzentriker Kechiche wohl auch nie. 

©Alamode Film
BEWERTUNG: 7,5/10
Titel: Blau ist eine warme Farbe
Laufzeit: 180 Minuten
Produktionsland: Frankreich
FSK: ab 16 freigegeben
Regisseur: Abdellatif Kechiche
Darsteller: Adele Exarchopoulus, Lea Seydoux





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