Freitag, 6. Dezember 2013

"Let Jesus Fuck You!" - Deftige Obszonitäten im Horrorklassiker "Der Exorzist"!




©Warner Bros. Pictures
„Der Exorzist“ ist im Bereich des Horrorfilms DAS Aushängeschild schlechthin. Sobald von Bestenlisten die Rede ist, ist das Werk von William Friedkin(„French Connection“) nicht weit. Ein Klassiker, Kult, Must See – Wörter, die mit diesem Film in Verbindung stehen. 

Doch gerade Horrorfilme altern relativ schlecht. Die Sehgewohnheiten ändern sich, die Technik wird filigraner und die Storywendungen dürften dem Publikum schon hinlänglich bekannt sein. Denn gerade das Horror-Genre setzt selten neue Akzente und kaut dieselben Merkmale immer und immer wieder durch. Die Vorzeichen für „Der Exorzist“ stehen in der heutigen Zeit also denkbar schlecht. Und tatsächlich: Wirklich zu packen, vermag dieser Klassiker der Filmgeschichte leider nicht mehr.
Was ihm allerdings zum Vorteil gereicht, ist die Zeit, die er sich für die verschiedenen Charaktere nimmt. 

Der Zuschauer verfolgt die hingebungsvolle Mutter Chris MacNeil(Ellen Burstyn), die ein liebevolles Verhältnis zu ihrer Tochter Regan (Linda Blair) hat. Der Teenager ist das perfekte Beispiel für ein liebendes Kind. Höflich, wohl erzogen und stets mit einem Lächeln auf den Lippen. Doch mit fortschreitender Laufzeit schleichen sich Ungereimtheiten in ihr Verhalten. Sie wird aufsässig, trotzig und beginnt Leute zu beleidigen. Chris weiß nicht mehr weiter und schickt sie zu mehreren Ärzten. Die sind jedoch ähnlich ratlos und Regans Zustand verschlechtert sich zusehends. Der zweite Story-Strang beschäftigt sich mit dem Priester Karras, der zurzeit in einer Glaubenskrise steckt. So ganz weiß er nicht, an wen oder was er glauben soll. Da erreicht ihn der Hilferuf der Familie MacNeil...
„Der Exorzist“ vermittelt hierbei eher den Eindruck eines Dramas. Die anfangs heile Welt wandelt sich in sehr langsamen Schritten zur persönlichen Hölle. Der Dämon fährt in die unschuldige Regan hinein und lässt vom Kind nicht mehr viel übrig. Das später oft zitierte Gleichnis vom Erwachsenwerden alias Besessenheit wird hier königlich präsentiert. Die Irrungen und Wirrungen eines Heranwachsenden, die Hormonschübe – all das erübrigt sich durch des Teufels Hand bzw. Dämon. 

Hierbei macht der Film eigentlich alles richtig. Doch leider ist das Alter nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Was in den 70ern noch für Atemlosigkeit sorgte, holt heute niemanden mehr hinterm Ofen hervor. Für diverse wilden Flüche reicht es, wenn die Menschen heutzutage in bestimmten Gegenden einfach vor die Tür treten. 


©Warner Bros. Pictures

Es ist eindeutig, dass die dreckige Sprache auf das Publikum von damals einen immensen Eindruck gemacht haben muss. Sprüche, wie „Let Jesus fuck you!“ oder „Stick him into her! You cocksucking fag!“ dürften für mehr als nur einen Ohnmachtsanfall gesorgt haben. Heute animiert es lediglich zum Lachen, anstatt wohliges Gruseln zu erzeugen. Dasselbe gilt auch für die Schreck- bzw. Ekelmomente. Natürlich ist der Einsatz aller Beteiligten lobenswert und die Handarbeit überdeutlich. Doch hat der Zuschauer alles schon mal irgendwo irgendwie gesehen. Ein Kopf, der sich um 360 Grad dreht, der berühmte Spiderwalk – alles schon dagewesen. Freilich darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es sich hier um das Original handelt. Dem Spannungsgehalt zuträglich ist das aber trotzdem nicht. 

Nichtsdestotrotz ist die Leistung der damals 12-jährigen Linda Blair mehr als nur beachtlich. Zwar musste sie aus Jugendschutzgründen in der einen oder anderen Szene gedoubelt werden, glaubwürdig agiert sie dennoch als Mensch gewordener Dämon. Drehzeiten von bis zu 12 Stunden am Tag über Monate hinweg und schmerzhafte Metallschienen, die ins Fleisch schnitten. Nicht zu vergessen der Dreh in einem extra angefertigten Kühltank um den Atem der Darsteller gefrieren zu lassen. Fabelhaft!
Auch das Sounddesign macht einiges her und sorgt tatsächlich für den einen oder anderen wohligen Schauer. Das Kreischen von Schweinen wurde ebenso aufgenommen, wie auch das Heulen und Bellen von Zwitterhunden. Ein Tontechniker ließ seine Freundin sogar jede Menge rohes Eiweiß schlucken – bis zum Erbrechen. Alles im Namen des perfekten Horrorwerks. Ebenso viel Arbeit wurde in die deutsche Synchronisation gesteckt, die ganze 800.000 D-Mark verschlang(normal waren damals 30.000!).


Der Preis für die Mühen war kolossal. Ewige Schlangen, Prügeleien vor dem Kino um Sitzplätze, der Handel auf dem Schwarzmarkt für Kinotickets und reihenweise Menschen, die in Ohnmacht fielen. Nicht zu vergessen Hunderte, die anschließend ihren Priester aufsuchten, im Glauben, besessen zu sein. Dies ging sogar soweit, dass Psychiater „Der Exorzist“ als harten Stoff und extrem gefährlich für die menschliche Psyche einstuften.

Über Zustände wie diese kann der heutige Kinozuschauer nur lachen. Das Publikum ist abgestumpft und lässt sich nicht mehr so einfach hinters Licht führen. „Der Exorzist“ besitzt ohne Zweifel ein paar bemerkenswerte Szenen, die man allein aufgrund ihres Klassiker-Status gesehen haben sollte. Mehr aber auch nicht. 

Das heißt nicht, dass der Film überaus schlecht wäre. Er ist zeitlich gesehen einfach überholt. Vollstes Verständnis für die Zuschauer von damals und solche, die ihn aus nostalgischen Gründen auch jetzt noch in den Himmel loben. Mehr ist einfach nicht zu holen. Für erfahrene Horrorfans hat „Der Exorzist“ nicht mehr viel zu bieten. Die Devise lautet also: Zuerst diesen hier sehen und erst danach jeden weiteren (und jüngeren) Genre-Vertreter. Dann dürfte der Horror auf jeden Fall garantiert sein.


©Warner Bros. Pictures
BEWERTUNG: 06/10
Titel: Der Exorzist
Genre: Horror, Drama
Produktionsland: USA 
Produktionsjahr: 1973
Regisseur: William Friedkin
Darsteller: Linda Blair, Ellen Burstyn, Max von Sydow, Lee J. Cobb, Kitty Winn, Jason Miller







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