Sonntag, 29. Dezember 2013

Ein Heiler in grausamen Zeiten - Der Medicus


©Universal Pictures
Ambitioniert. Das ist das Wort, das dem Zuschauer in Hinblick auf „Der Medicus“ einfällt. Seit langer Zeit erlauben sich deutsche Filmemacher eine große Produktion mit internationalen Darstellern, großen Bildern und beeindruckendem Aufwand. 

Die Verfilmung des Bestsellers von Noah Gordon bietet dem Publikum eine nette Abwechslung im Kino-Einerlei. Vor imposanten Bauten und Synagogen eröffnet sich dem Zuschauer der Blick in eine fremde Welt, eine fremde Kultur, in die er nur zu gerne eintaucht. Der Film steht ganz in der Tradition altmodischer fernöstlicher Klassiker, wie „Lawrence von Arabien“ oder „Die vier Federn“. In seinen besten Momenten atmet er die Luft jener Filme, auch wenn er nicht ganz die Klasse der genannten Meisterwerke besitzt. 

Regisseur Philipp Stölzl lässt den jungen Rob Cole aus dem zerrütteten England gen Osten aufbrechen. Ausgebildet zum Bader (damals eine Art wandernder Arzt) reicht ihm dieses Wissen nicht aus. Er will mehr wissen, mehr können und bei dem größten Heiler der Welt lernen. Ibn Sina.
Er überquert Weltmeere, trotzt Sandstürmen und tödlichen Krankheiten. Doch hat sein Abenteuer am Ziel seiner Reise gerade erst begonnen...

Stölzl trifft vor allem in der ersten Hälfte den richtigen Ton. Robs Erwachsenwerden packt er in dreckige Bilder voller Schmutz und Hässlichkeit. Gleichzeitig gesellt sich mit dem Charaktermimen Stellan Skarsgard als Mentor eine witzige Figur hinzu, die das Geschehen mit sarkastischem Humor kommentiert. So stellt sich ein lockerer Erzählfluss ein, der die erste Stunde wie im Fluge vergehen lässt. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, die umfangreiche Buchvorlage musste hier oftmals Federn lassen. Da ist es dem Autoren Jan Berger umso mehr anzurechnen, dass für den unwissenden Zuschauer keine Lücken entstehen und jegliche Szene nachvollziehbar bleibt. 

©Universal Pictures
Ein wenig sprunghaft ist allerdings Robs lange Reise hinüber zu Ibn Sina inszeniert. Aus einer qualvollen Odyssee wird eine 10-minütige Karawane quer durch die Wüste. Da bleibt wenig Zeit, Robs große Liebe Rebecca ausreichend vorzustellen. Dadurch leidet deren Liebesgeschichte im weiteren Verlauf ein wenig. 

Hat Rob allerdings sein Ziel erreicht, sind die bisherigen Schwächen fast vergessen. Regisseur Stölzl wirft das Publikum hinein in einen Schmelztiegel aus Muslime und Juden, religiösen Fanatikern und weltoffenen Gelehrten. Ibn Sinas Universität wird zum Inbegriff des Wissens, während lediglich der Herrscher der Stadt zwischen ihnen und dem wütenden Mob steht. Hier zeigt „Der Medicus“ durchaus interessante Ansätze als Parabel über Gleichberechtigung aller Religionen und einem Ort, an dem keine Unterschiede existieren. Jeder Mensch ist gleich, ganz egal, wen er anbetet oder wie reich er ist. Diese Themen werden immer wieder angesprochen und es ist offensichtlich, dass die Produzenten kein Actionfeuerwerk, sondern etwas Nachhaltiges erschaffen wollen. 

Das sorgt aber auch dafür, dass „Der Medicus“ nun mit relativ wenigen Höhepunkten auskommen muss. Kein Spektakel und kein zur Schau stellen der Pixel-Muckis. Das ist im Grunde genommen kein Nachteil, schließlich hebt ihn das ein wenig von der hollywoodschen Konkurrenz ab. Schließlich zeigt Stöltz in wunderschönen Panoramen immer wieder, dass sich „Der Medicus“ optisch nicht hinter anderen Vertretern verstecken muss. Kostüme, Sets und Effekte vermischen sich zu einem gelungenen Potpourri, das um einiges realistischer wirkt, als der ungleich teurere „Der Hobbit: Smaugs Einöde“. 

Da verzeiht man auch mal das Heiland-Ende, welches vollkommen von der Buchfassung abweicht. Immerhin gibt sich Sir Ben Kingsley die Ehre und überzeugt allein durch seine Präsenz in einer für ihn perfekten Rolle als Lehrmeister Ibn Sina. Auf deutscher Seite steht Elyas M'Barek, der sogar in einem Mittelalter-Film den Proll spielen muss. Business as usual eben. Schönling Tom Payne in der Hauptrolle macht einen überraschend guten Job und ist weit weniger blass, als befürchtet. Die wunderschöne Emma Rigby hat wenig Zeit um zu glänzen, weshalb lediglich ihr Aussehen positiv ins Gewicht fällt.

Man kann nur hoffen, dass der große Erfolg in den Kinos deutschen Produzenten wieder Mut macht, dass auch großangelegte Genrefilme beim Publikum funktionieren. „Der Medicus“ ist hierfür das leuchtende Beispiel. Sicherlich nicht frei von Fehlern, unterhält der Film über die gesamte Laufzeit hinweg und eröffnet dem Zuschauer auf der Leinwand eine ihm fremde Welt. So, wie es eigentlich immer sein soll. 

©Universal Pictures
BEWERTUNG: 7,5/10
Titel: Der Medicus
FSK: ab 12 freigegeben
Laufzeit: 155 Minuten
Regisseur: Philipp Stölzl
Autor: Jan Berger
Darsteller: Tom Payne, Ben Kingsley, Stellan Skarsgard, Emma Rigby, Olivier Martinez, Elyas M'Barek






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