Sonntag, 1. Dezember 2013

Die Macht der Frau über den Mann - Venus im Pelz!




©Prokino
Roman Polanski scheint im Moment auf Theaterstücke fixiert zu sein. Erst letztes Jahr bereicherte der Regisseur die Welt um eine fulminante Version des „Gott des Gemetzels“. Nun, einen Film später, verschlägt es ihn wieder in das Reich der Theateradaptionen. 

Polanski lässt den Ursprung seines Films noch deutlicher erkennen. Die vollen 96 Minuten befinden sich die Akteure auf einer Bühne, lediglich zwei Personen bestimmen dieses Kammerspiel. „Venus im Pelz“ basiert dabei auf dem gleichnamigen Stück von David Ives, der wiederum das Skandalbuch des österreichischen Autors Leopold von Sacher-Masoch aus dem Jahre 1870 zum Thema hat. Im Übrigen ist er der Namensgeber des Masochismus. 

Das Publikum lernt den verzweifelten Autor und Regisseur Thomas kennen, der unbedingt das Buch auf die Bühne bringen möchte. Leider scheint jedoch niemand geeignet für die Rolle der Wanda. Plötzlich steht eine blonde Frau vor ihm, die ihn schier anfleht noch vorsprechen zu dürfen. Genervt nimmt er das Angebot an und ist von einem Moment zum Anderen verzaubert. Aus der vulgären, ungebildeten Nichtskönnerin entwickelt sich binnen Sekunden eine attraktive, selbstbewusste Frau. Thomas setzt das Vorsprechen fort und gerät immer mehr in den Bann dieser widersprüchlichen und geheimnisvollen Frau. Die Machtverhältnisse beginnen sich zu verschieben. Wanda drängt ihn immer mehr in die Passivität, dreht Klischees gekonnt um und nimmt ihm schlussendlich jegliche Autorität. Sie wird zum Regisseur seines Projekts und Thomas gibt sich nur allzu bereitwillig in die komfortable Schutzzone dieser imaginären Situation.

„Venus im Pelz“ ist Schauspielkino mit doppeltem Boden. Nichts ist wie es scheint, Fiktion und Realität verschwimmen ineinander und die zuvor klar abgesteckten Grenzen existieren nicht mehr. Der Film funktioniert gleich auf mehreren Ebenen. Zum Einen ist er amüsanter Kommentar zu Sexismus, Geschlechterkampf und der Rolle (und Wichtigkeit!) der Frau in der Welt. Zum Anderen stellt er eine kleine Abhandlung zum Verhältnis zwischen Schauspieler und Regisseur dar. 


©Prokino
Ein Zwei-Personen-Stück benötigt natürlich die entsprechend fähigen Schauspieler. Mit Mathieu Amalric und Emmanuelle Seigner hat der inzwischen 80-jährige Polanski die passenden Darsteller gefunden. Sie tragen den gesamten Film mit Bravour. Amalric, den Viele wohl am Ehesten aus „Ein Quantum Trost“ kennen, weiß den Kontrollverlust seiner Selbst gekonnt darzustellen. Vom sicheren Regisseur zum willfährigen Sklaven in nur 90 Minuten. Respekt! 

Jedoch ist Emmanuelle Seigner eigentlich diejenige, die das Geschehen(in mehrerer Hinsicht) dominiert. Ihre Darbietung der wandelbaren Wanda ist schlichtweg phänomenal. Sie wechselt die Rollen in zunehmender Geschwindigkeit. Mal vulgär und taktlos, dann wieder lasziv und beherrschend. Mit fast 50 Jahren sieht sie besser aus als zu Zeiten von „Die neun Pforten“. Die erotische Spannung zwischen den beiden Charakteren ist spürbar und verdichtet sich zum Ende hin immer mehr. Angedeutete Berührungen, das Hochziehen eines Verschlusses am Kleid – das Knistern kann der Zuschauer fast schon sehen. 

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Roman Polanski die wohl stärkste Frauenfigur seit einer kleinen Ewigkeit beschreibt?

„Venus im Pelz“ unterhält für geraume Zeit prächtig. Mit scharfzüngigen Dialogen verdichtet sich das Geschehen zu einem interessanten Geschlechterkampf und analysiert dabei die Vorlage mit herrlich knackigen Kommentaren. Zum Ende hin erreicht der Film allerdings einen Punkt, an dem jegliche Regeln gebrochen zu sein scheinen. Eine klare Zuordnung fällt schwer, Polanski bricht mit den Sehgewohnheiten des Publikums. Der Film beschließt mit dem völligen Verlust im Surrealismus, lässt den Zuschauer vollkommen verdattert zurück, unsicher, was er auf der Leinwand gerade gesehen hat. 

Das Erlebte in seiner Gänze zu erfassen ist fast unmöglich. Die eine Hälfte wird mit einem Kopfschütteln nach Hause gehen, während die Andere sich voller Freude auf mögliche Interpretationen stürzen wird. 

©Prokino

BEWERTUNG: 06/10
Titel: Venus im Pelz
Regisseur: Roman Polanski
Komponist: Alexandre Desplat
Darsteller: Mathieu Amalric, Emmanuelle Seigner







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