Montag, 11. November 2013

Propaganda im dritten Reich und ihre Folgen - Hitlerjunge Quex!

©Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Spricht der Lehrer im Geschichtsunterricht von Propaganda im dritten Reich, wird eine wichtige Seite oftmals nur rudimentär behandelt. Neben all den Flugblättern, Büchern, Paraden und Radiosendungen gibt es ein weiteres Feld, das vom Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels ausreichend beackert wurde. Von 1933 bis 1945 entstanden unter seiner Leitung knapp 1150 Filme (200 pro Jahr!), die nur einem Zweck dienten: 

Dem Deutschen den Nationalsozialismus näher zu bringen. 

Natürlich änderte sich dieses Ziel im Verlauf des Krieges. Mit Kriegsbeginn benötigte niemand mehr Überzeugungskraft um der NSDAP beizutreten. Themen, wie Antisemitismus („Jud Süß“), Euthanasie („Ich klage an“) und Fremdenhass („Kollberg“) gegenüber den feindlich gesinnten Ländern bestimmten später das Kino Deutschlands. Wir wenden uns nun jedoch einem Film zu, der zu den wichtigsten Erzeugnissen der Reichsfilmkammer gezählt werden kann. 

„Hitlerjunge Quex“.
Dieser feierte im September 1933, also kurz nach Machtübernahme, Premiere. Er sollte Kinder und Jugendliche zum Nationalsozialismus heranführen, ihnen zeigen, wie wunderbar das Leben unter Hitler und insbesondere in der Hitlerjugend sein kann. Demnach ist „Hitlerjunge Quex“ als reiner Werbefilm zu verstehen, der auch den erwachsenen Zuschauer damals vor die Wahl stellte. 

Hitlerjunge Quex heißt eigentlich Heini Völker. Sein Vater ist überzeugter Kommunist und versucht ihn zu überreden, seiner Partei beizutreten. Auf einem Ausflug wohnt er allerdings zufällig einem Auftritt der HJ bei, was ihn fortan nicht mehr loslässt. Er sympathisiert immer mehr mit den in schicken Uniformen gekleideten Jugendlichen und schützt sie sogar vor Attacken der kommunistischen Anhänger. Sogar sein Leben setzt er für sie aufs Spiel. 

Schon durch die kurze Inhaltsangabe wird klar, was das Ziel des Films ist. Er versucht gezielt die Anhänger des Kommunismus zu verunglimpfen, verherrlicht dabei den Nationalsozialismus. Doch erst einmal der Reihe nach. 

Es hat durchaus seine Gründe, warum die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung darauf besteht, dass „Hitlerjunge Quex“ nur unter Begleitung eines Seminars aufgeführt werden darf. Er gehört zur Gruppe der sogenannten Vorbehaltsfilme. Goebbels wusste nämlich schon damals um die Macht des Films. Für ihn war „die Unterhaltung auch staatspolitisch wichtig“, wie er in seinem Tagebuch schrieb. Sogar kriegsentscheidende Kräfte maß er der Propaganda, insbesondere in filmischer Form, bei. So, wie der Film damals wirkte, vermag er auch heute noch sein Publikum zu beeinflussen. 

Selbst 70 Jahre nach seiner Premiere hat der Film nichts von seiner Wirkung verloren. Geradezu gerissen weiß Regisseur Hans Steinhoff mit seinen Figuren umzugehen und sie klar und deutlich zu positionieren. Die Nazis sind stets höfliche, freundliche Menschen, die eigentlich nur das Beste wollen. Ganz anders die Kommunisten, die dem Zuschauer wie ein grober, ungebildeter Haufen vorkommen müssen. 

Mit genügend Hintergrundwissen fällt es selbstverständlich nicht schwer, die Methoden des Films in seine Einzelteile zu zerlegen und zu erfassen. Dem damaligen Publikum dürfte das allerdings deutlich schwerer gefallen sein. Goebbels nutzt den Film geschickt als erzieherische Maßnahme und verschleiert seine wahren Ansichten. 


"Wo willst du hin?"- Zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus ©FWM

Den adrett gekleideten HJ'lern werden die verlotterten und ungeschlachten Kommunisten gegenübergestellt. Ihr Charakter ist meist verkommen und der Zuschauer kommt gar nicht umhin, mit den Nazis zu sympathisieren. Besonders eine Szene, die bei Goebbels selbstverständlich für großen Beifall sorgte, ist exemplarisch für die Meinungsmanipulation im dritten Reich. 

Während Heini Völker sich angewidert von seinen einstigen Genossen im roten Lager abwendet, wandert er ziellos im Wald umher. Dort trifft er auf das Camp der HJ und ist begeistert. Dort stehen die Jungs und Mädels in Reih und Glied, singen laut und klar ihre Hymne „Unsere Fahne flattert uns voran“ und benehmen sich gesittet. Ganz anders seine „Freunde“.
Diese werden dargestellt, wie ein Rudel wilder Tiere. Sie prügeln sich ums Essen, rauchen, trinken – von Gemeinschaft keine Spur. 

Natürlich entwickelt Heini zusammen mit dem Publikum eine gewisse Sympathie für die Nazis. Weiterhin bezeichnend, dass Heini schlussendlich den Heldentod sterben darf. In Uniform opfert er sich quasi für seine neuen Freunde, versucht im Sterben noch verzweifelt den Hitlergruß auszuführen um mit einem „Die Fahne flattert uns voran“ auf den Lippen zu sterben. Die Uniform bleibt dabei in makellosem Zustand. Sie wird nicht mit Blut befleckt, weil sie im Nationalsozialismus ein Heiligtum darstellt. Das ist pathetisch, schwülstig und spielt dem Nazi-Regime gekonnt in die Hände. Nun kann sich der Zuschauer erst recht nicht mehr der Faszination der Braunen entziehen, zumal die letzten Bilder des Films von marschierenden Soldaten vor wehender Fahne bestimmt werden. 

Da Kinder und Jugendliche sowieso äußerst leicht zu beeinflussen sind, erfüllt „Hitlerjunge Quex“ seinen Zweck auf geradezu erschreckend effiziente Art und Weise. Doch auch den Erwachsenen bietet der Film einige „Angebote“. Steinhoff und Goebbels bieten dem Publikum drei Alternativen an. 

Erstere wird bestimmt von Heinis Vater, der im übrigen von Heinrich George, Vater von Götz George, verkörpert wird. Zu Beginn noch treuer Kommunist, wandelt sich sein Weltbild mit fortschreitender Laufzeit. In einem Dreh-und Angelpunkt des Films spricht ein Nazi direkt über seine politische Ausrichtung. Hier wendet sich Steinhoff nicht nur an den Vater, sondern auch an jeden Zuschauer(„Unser Deutschland! Denken sie mal darüber nach!“). Schlussendlich ist auch der Vater überzeugter Nazi, auch wenn er nicht mit wehender Fahne dargestellt wird. 

An zweiter Stelle befindet sich Stoppel, Organisator der Kommunistischen Jugendinternationale, quasi das Gegenstück zur HJ. Bis zum bitteren Ende ist er überzeugter Kämpfer seiner Sache und schreckt auch vor Gewalt nicht zurück. Er bekämpft die Braunen mit jeglichen Mitteln. Durch den Mut von Heini beeindruckt, beteiligt er sich allerdings nicht mehr an der Hetzjagd auf ihn. Er ist somit stiller Beobachter, der sich zurückzieht. 

Zu guter Letzt gibt es noch einen Mann namens Wilde. Dieser wird als hagerer, grimmiger Bösewicht dargestellt, der klare Mordabsichten hinsichtlich Heini hegt. Er ist es auch, der im Finale zur Jagd bläst. Fassen wir noch einmal zusammen: 

Die drei Möglichkeiten, die Goebbels dem deutschen Publikum zugesteht sind der Sympathisant, der stille Beobachter oder der Kriminelle. Da die Zuschauer sehr wohl wussten, was mit Letzteren geschieht, darf Numero drei durchaus als Warnung verstanden werden. Verhaftungen, KZ etc. für jeden, der anders denkt. 

„Hitlerjunge Quex“ ist also ein Paradebeispiel für den Versuch der Nazis, das Volk zu manipulieren. Doch die eigentliche Erkenntnis ist die: Selbst heute kann der Mensch mit Leichtigkeit beeinflusst werden. Sogar ohne es zu bemerken. Niemand wird „Hitlerjunge Quex“ zu Ende sehen und danach nicht zumindest die Melodie von „Unsere Fahne flattert uns voran“ summen. Irgendwie gruselig. 






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