Montag, 4. November 2013

Die indische Kultur hautnah - "Lunchbox"// Sneak-Ausgabe #8


Kinostart: 21.11.2013 ©NFP



Das diesjährige Festival in Cannes sorgte nicht nur für Buhrufe in Richtung „Only God Forgives“, es bot auch einem kleinen, unscheinbaren Film eine Plattform.

„Lunchbox“ von Ritesh Batra entwickelte sich im Verlauf zu einem Geheimtipp unter den Besuchern. Der indische Film konnte aufgrund seiner unaufgeregten Art punkten und die Kritiker für sich vereinnahmen. 

Nun ist „Lunchbox“ auch endlich für die Normalsterblichen unter uns im Kino sichtbar.
In leisen Tönen erzählt Batra von Ila und Sajaan. Erstere ist unglücklich verheiratet und versucht alles um wieder etwas Schwung in ihre Beziehung zu bringen. Sajaan hingegen geht schon bald in Rente, ist vollkommen allein und lässt den Alltag an sich vorüberziehen. 

Ihr Leben ändert sich jedoch, als versehentlich eine Lunchbox von Ila auf Sajaans Schreibtisch landet. Fortan entwickelt sich tiefe Zuneigung zwischen den Beiden, da sie sich heimlich Briefe in eben jenen Lunchboxen schicken. 

Der Film widmet sich hier ausführlich den Dabbawalas. Das sind Essenslieferanten in der Metropole Mumbai, die das von Ehefrauen gekochte Mittagessen an ihre Männer weiterleiten. Sie benutzen dafür ein ausgeklügeltes System aus Zeichen, da viele nicht des Lesens mächtig sind. Unter 16.000 Lieferungen unterläuft ihnen nur ein Fehler, was schon einige internationale Experten auf den Plan gerufen hat. 

„Lunchbox“ ist allerdings kein typischer Bollywood-Film. Viel mehr ist er den westlichen Sehgewohnheiten angepasst, wodurch sich die positive Resonanz besonders leicht erklären lassen dürfte. Das Erzähltempo ist sehr gemächlich, obwohl die wahnsinnige Schnelligkeit Mumbais aus jeder Pore dringt. Endlose Staus, überfüllte Waggons und Menschenmassen wohin das Auge sieht. Erstaunlich, wie Batra in diesen Momenten der Hektik immer noch Zeit findet seine Charaktere im Raum stehen zu lassen, allein mit sich selbst und ihren Gedanken. 

©NFP
Allerdings ist das Erzähltempo im weiteren Verlauf schon fast zu langsam. Hin und wieder verharrt „Lunchbox“ beinahe im Stillstand, was zugegeben etwas Konzentration des Zuschauers einfordert. Dafür wird er jedoch mit einer Vielzahl an sympathischen Charakteren belohnt, von der jeder sein eigenes Päckchen zu tragen hat. Auch die Liebesgeschichte zwischen den beiden Brieffreunden ist sorgsam akzentuiert dargestellt und verzichtet vollkommen auf unangebrachten Kitsch. Die großen Gefühle lassen sich stets nur zwischen den Zeilen herauslesen. Sie werden niemals angesprochen oder offen gezeigt. Das macht die Story rund um Ila und Sahaan so glaubwürdig und auch realitätsnah. Für etwas Witz sorgt der neue Arbeitskollege Shaikh, der sich zu Sahaans bestem Freund entwickelt. 

Wer kann, sollte außerdem auf die Originalversion des Films zurückgreifen. Es ist einfach faszinierend mitanzusehen, wie die Protagonisten ständig zwischen Englisch und Hindi hin und her wechseln. Der Grund hierfür liegt in der unfassbar großen Sprachenvielfalt. In Indien werden über 100 verschiedene Sprachen gesprochen. Die überregionalen Amtssprachen sind Hindi und Englisch. Während das einfache Volk meist Hindi spricht, zählt Englisch als Verwaltungs-, Unterrichts- und Wirtschaftssprache. Wer also etwas aus sich machen will, muss zwangsläufig Englisch fließend sprechen. Deshalb dürfte in der Synchro einiges an Besonderheiten verlorengehen und den Einblick in die indische Kultur beschränken. 

Naturgemäß räumt „Lunchbox“ einem weiteren wichtigen Merkmal in Indien viel Platz ein. Die indische Küche. 

Wer vor dem Kinobesuch nichts gegessen hat, sollte lieber einen großen Bogen um diesen Film machen. „Lunchbox“ zelebriert das Essen in so gut wie jeder Szene und fast jedem Dialog. Indische Gerichte werden zubereitet, goutiert und auch zelebriert. Wer hier nicht Lust auf indisches Essen bekommt, dem ist nicht mehr zu helfen. 

„Lunchbox“ weiß in seiner unaufgeregten Art durchaus zu gefallen. Das Schicksal Ilas und Sahaans ist dem Zuschauer nicht egal. Es wird gelacht und gebangt. Außerdem erhält das Publikum einen faszinierenden Einblick in die indische Kultur. Ihre Art zu leben, ihre Küche, die Schnelllebigkeit, die sie alltäglich umgibt. Da lassen sich einige nicht zu leugnende Längen ohne weiteres verzeihen. 

©NFP
 BEWERTUNG: 07/10
Titel: The Lunchbox
FSK: ab 6 freigegeben
Produktionsland: Indien, Deutschland, Frankreich, USA
Genre: Drama, Komödie, Liebesfilm
Regisseur: Ritesh Batra
Darsteller: Irrfan Khan, Nimrat Kaur, Nawazuddin Siddiqui, Denzil Smith




           
                          Trailer:



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