Dienstag, 12. November 2013

Amerika legt sich selbst die Schlinge um den Hals - "Der Krieg des Charlie Wilson"!




©Universum Films
„Der Krieg des Charlie Wilson“ ist ein ambitionierter Versuch, einem bislang wenig beachteten Stück Zeitgeschichte ein Gesicht zu geben. 

In den 80er Jahren erfährt US-Politiker Charlie Wilson vom Kampf zwischen Mudschaheddin und den Sowjets in Afghanistan. Er beginnt heimlich ihre Sache zu unterstützen um der sowjetischen Macht Einhalt zu gebieten. Schlussendlich führt er einen versteckten Krieg, den die Öffentlichkeit nicht mitbekommt und in dem kein amerikanischer Soldat sein Leben lässt. 

Regisseur Mike Nichols und Drehbuchautor Andy Sorkin geben sich sichtlich Mühe, um die schier unglaubliche Geschichte zusammenzuhalten und sämtliche Fäden miteinander zu verbinden. Das funktioniert erstaunlich gut. Der Zuschauer ist stets bei der Sache, langweilt sich nie und erfreut sich der bravourös aufspielenden Schauspieler. 

Doch leider sind 90 Minuten eine viel zu kurze Laufspanne um sämtliche Themen zu beleuchten. Vieles wird bloß angeschnitten, mit einem Satz abgehackt. 

Widmet sich der Film noch ausführlich dem Befreiungskampf, lässt er die Folgen des Krieges fast komplett außen vor. Lediglich eine Minute Screentime wird der Aufarbeitung gegönnt, die kaum das erfassen kann, was tatsächlich schief gelaufen ist.


„These things happened. They were glorious and they changed the world …
and then we fucked up the end game.“
         Charlie Wilson


„Der Krieg des Charlie Wilson“ funktioniert durchaus als Reflexion auf das Verhalten der USA von heute. Hatte sie eigentlich das Negativbeispiel anhand der Sowjetunion vor Augen, beging sie 20 Jahre später haargenau dieselben Fehler. Ein Rollentausch, der weh tut und den Nichols genüsslich ausbuchstabiert. Wilsons Krieg erwies sich im Nachhinein als zweischneidiges Schwert. Zwar konnte der Kommunismus zurückgeworfen und Afghanistan befreit werden, doch wuchs die USA in die Rolle des Retters hinein? Mitnichten. 

©Universum Films
Statt nun deren Infrastruktur wiederherzustellen, wurde das Land sich selbst überlassen. Die Mudschaheddin, eigentlich die Freunde Amerikas, begannen sich zu wandeln. Aus Freiheitskämpfern in Tracht wurde das, was wir heute gemeinhin als Terroristen bezeichnen. Statt ausgelassen über sowjetische abgeschossene Hubschrauber zu jubeln, sind es heute die westlichen Ziele, die Freude aufkommen lassen. 

Nicht nur die militärischen Taktiken übernahmen sie von westlichen Ausbildern, auch – und das wissen viele nicht – gehörte das Schulmaterial mit dazu. Die USA produzierte damals Schulbücher, die mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten aus dem Koran angereichert waren. Dies sollte die Bevölkerung gegen die sowjetische Besatzung aufbringen. In den Flüchtlingscamps, die Charlie Wilson im Film besucht, wurden diese fortan für Unterrichtszwecke verwendet. Viele Kritiker sprechen demnach von einem Blow Back, da der islamische Fundamentalismus als unerwünschte Nebenwirkung auf die frühere US-Politik angesehen wird. 

Nun, Charlie Wilson hat all das bzw. das meiste vorhergesehen. Das zeigt, dass die USA immer noch nicht aus ihren Fehlern gelernt haben. 

Freunde, die zu Todfeinden werden. Auch ein Osama Bin Laden profitierte von Wilsons Geldern und nutzte das leere(befreite) Afghanistan als Rückzugsort. Damaliger Mudschaheddin-Kommandeur Jalaludin Haqqani, für Wilson „das Gute in Menschengestalt“ begegnete der USA als Anführer der Taliban wieder und ist nun in den Top 10 der „most wanted“-Liste. 

Ihr seht. Hinter „Der Krieg des Charlie Wilson“ steckt noch unglaublich viel mehr. Was als unbegreiflich großer Sieg begann, stellte sich im Nachhinein als Amerikas schlimmster Albtraum heraus. 

Natürlich lässt sich der Film auch bloß auf seine unterhaltenden Elemente herunterbrechen. Die Gags sitzen, die Darsteller sind wunderbar aufgelegt und die Geschichte rund um erstaunlich. Doch was sich alles dahinter verbirgt, sorgt für Magenschmerzen und regt zum Nachdenken an. 

Nicht umsonst gibt es das Sprichwort, Geschichte wiederholt sich. Anhand Afghanistan und der USA lässt es sich wunderbar veranschaulichen. 

©Universum Films

BEWERTUNG: 07/10
Titel: Charlie Wilson's War
Genre: Satire
Regisseur: Mike Nichols 
Autor: Aaron Sorkin
Darsteller: Tom Hanks, Julia Roberts, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams






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