Montag, 7. Oktober 2013

Zwischen schwelgerischen Bildern und fehlender emotionaler Bindung - Der Schaum der Tage!




Titel: Der Schaum der Tage; FSK: ab 12 freigegeben; Regie: Michel Gondry; Darsteller: Audrey Tatou, Romain Duris, Omar Sy ©Studio Canal
Michel Gondry ist ein außergewöhnlicher Filmemacher. Es gibt nur ganz Wenige, die ihm in visueller Hinsicht das Wasser reichen können. In seinen Filmen ist so gut wie alles möglich. Ob gigantische Hände, davonlaufende Türenklingeln oder Hochzeiten unter Wasser. Es scheint, als ob sich in Gondrys Kopf sämtliche Hirnwindungen unter Dauerfeuer befinden um regelmäßig etwas ungewöhnliches, vielleicht sogar außergewöhnliches zu erschaffen. 

Denn wie auch immer der Zuschauer zu seinen Filmen stehen mag: Etwas Besonderes sind sie immer. 

Nicht anders verhält es sich mit seinem neuesten Werk „Der Schaum der Tage“.
Darin nimmt er sich des gleichnamigen Buchklassikers von Boris Vian, einer der interessantesten französischen Autoren der Nachkriegsgeschichte mit Hang zum Surrealismus, an. Dort verliebt sich der junge Erfinder Colin (Romain Duris) in die wunderschöne Chloe(Audrey Tatou). Ihr Glück währt nicht lange, erkrankt sie doch kurze Zeit später schwer. Colin nimmt nun größte Mühen auf um ihr Leben zu retten. Unterstützt wird er dabei von seinen besten Freunden Nicolas (Omar Sy) und Chic (Gad Elmaleh). 

Die Inhaltsangabe klingt zuerst einmal nicht sonderlich aufsehenerregend. Wer die Filme Gondrys allerdings kennt, weiß, dass er aus ziemlich jedem Stoff ein Novum herauskitzeln kann. So erschlägt die Kreativität Gondrys den Zuschauer schon allein in den ersten fünf Minuten beinahe. Wir sehen rennende Klingeln, kleine Mäuse, die wie Menschen in Kostümen aussehen und interaktive Kochshows, die dem Übenden sofort zeigen, was er falsch macht. Das Essen bewegt sich, der Tisch ist in Form eines Meeres mit hohem Wellengang geformt und der Aal muss erst aus dem Wasserhahn gefischt werden, bevor er auf den Teller kommt. Das Geschehen ist dermaßen absurd, dass der Rezipient entweder hilflos die Hände über den Kopf zusammenschlägt, oder die Szenerie mit einem Lachen begleitet. 

Hoch hinaus wollen Chloe(Audrey Tatou) und Colin(Romain Duris) ©Studio Canal
Fans des Regisseurs werden also in jedem Fall auf ihre Kosten kommen. Interessant hierbei für Gondry-Neulinge ist vielleicht, dass sich die visuelle Brillanz seiner Filme nie aus dem Rechner erschließt. Nahezu alle Fantastereien sind handgemacht, entstammen handwerklichen Geschicks, sind organisch, fühlen sich frisch an. Das ist in Zeiten von CGI und Motion Capture mit Sicherheit eine willkommene Abwechslung. 

Doch neben all dem zunächst bunten, später düsteren Treiben ist die emotionale Identifikation mit den Figuren der wichtigste Faktor eines Films dieser Art. Gerade die tragische Liebesgeschichte zwischen Chloe und Colin müsste ein Garant für ein hohes Maß an Mitgefühl im Herzen des Zuschauers sein. Doch weit gefehlt. Trotz der höchst sympathischen und hinreißend sinnlichen Audrey Tatou und dem Charmebolzen Romain Duris entwickelt sich keine Bindung zwischen ihnen und dem Publikum. Es ist fast schon erschreckend, wie wenig das Schicksal der Beiden das Publikum berührt und mitreißt. Wird in „Der Schaum der Tage“ die gesamte Umwelt durch Chloes Krankheit negativ beeinflusst und sogar der Ton des gesamten Films spürbar ernster, springt dieser dunkle Funke nicht auf den Zuschauer über. Teilnahmslos betrachtet er das Geschehen, nimmt zur Kenntnis, nickt ab. Schuldzuweisungen Richtung Regisseur fallen trotzdem schwer, da es offensichtlich ist, wie viel Herzblut in diesem Film steckt. Die Anzahl an skurrilen Absurditäten würde für geschlagene drei Filme ausreichen. Es scheint, als ob Gondrys Ausflug nach Amerika seine Kreativität einschränkte und nun – zurück im Heimatland – von der Leine gelassen wurde und Amok läuft. 

Gondry bricht mit erzählerischen bzw. filmischen Konventionen, lässt grundverschiedene Welten aufeinanderprallen um Vians Worte auf Zelluloid zu pressen. Das gelingt ihm hier und da auf wundervolle Art und Weise, im Endeffekt ist jedoch das fehlende Interesse am Schicksal der Charaktere sein Genickbruch. So leid es dem Rezipienten auch tut. 


© Studio Canal

Natürlich bleibt eine abschließende Wertung noch aus. Immerhin kürzte Gondry seinen Film für den internationalen Markt um satte 36 Minuten. Selbstverständlich könnte hierin der Hund begraben liegen. Vielleicht kann die Langfassung die fehlende emotionale Bindung wieder herstellen. Doch laut eigener Aussagen fehlen bloß die schlimmen, grässlichen Szenen, wie zum Beispiel Leichenberge im Schlittschuhstadion, oder Arbeiter die von einer Maschine zerstückelt werden. Das würde zwar den Stilbruch von fröhlich-farbenfroh in deprimiert-düster noch unterstreichen und den Einfluss von Chloes Krankheit auf die Außenwelt noch greifbarer machen. Ob es aber wirklich fehlendes Interesse an den Protagonisten wieder wett macht? Unwahrscheinlich. 

                                                              BEWERTUNG: 5,5/10


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