Montag, 21. Oktober 2013

Schwul, jung, allein - "Ich fühl mich Disco"! /Sneakausgabe #7

KINOSTART: 30. OKTOBER    ©Salzgeber


Obwohl unsere heutige Gesellschaft - vor allem in Europa - flächendeckend als aufgeklärt gilt, ist das Thema Homosexualität immer noch ein rotes Tuch. Sie wird toleriert, doch Akzeptanz sieht im Großen und Ganzen anders aus. Es gibt immer noch viele Menschen, die regelrecht Angst vor Homosexuellen haben und nur ungern mit ihnen in Kontakt kommen. Hass auf Schwule wird zwar nicht offen zelebriert, doch schlägt er unterschwellig immer noch Wellen. 

Deshalb ist es wichtig, dass die Medien das "Schwulsein" sensibilisieren, thematisieren und die Hemmschwelle in der Bevölkerung weiter senkt. Damit auch die letzten Zweifler verstummen und die Betroffenen ihren Lebensstil frei ausleben können.

Der deutsche Film "Ich fühl mich Disco" befasst sich recht einfühlsam mit dieser Thematik. Der Zuschauer folgt dem Jugendlichen Florian Herbst, der mit sich selbst, seinem Vater und seiner erwachenden Sexualität zu kämpfen hat. Erfüllung findet er nur im Nachsingen der Songs seines Idols Christian Steiffens, am Liebsten zusammen mit seiner Mutter. Als diese jedoch ins Koma fällt, sein Vater sich nun um ihn kümmern muss und er sich auch noch in einen gleichaltrigen Teenager verliebt, ist das Chaos perfekt.

"Ich fühl mich Disco" ist dabei ein sehr persönlicher Film. Regisseur Axel Ranisch baut sehr viele persönliche Erfahrungen mit ein. So ist die Beziehung zwischen Florian und seinem Vater seinem Leben entnommen. Rosa von Praunheim - der einen kleinen Auftritt hat - riet ihm, er solle einen Film über etwas machen, womit er sich auskennt. Was läge da näher, als einen autobiographisch angehauchten Film zu drehen? Eben.

Deswegen kommt die Figur des Florians auch verdammt authentisch rüber. Das Publikum leidet mit dieser seltsamen Figur, die offensichtlich mit seinem hohen Gewicht zu kämpfen hat und aufgrund seiner tollpatschigen Art des Öfteren Mitleid erregt. Auch sein Vater Hanno ist eher ein trauriger Charakter, der seinem Sohn in Nichts nachsteht. Die zwischenmenschliche Beziehung der Beiden nimmt den größten Raum ein, wodurch das Coming Out Florians angenehm zurückhaltend inszeniert ist und nicht um Aufmerksamkeit heischt. Seine größte Stärke spielt "Ich fühl mich Disco" während der leisen, berührenden Szenen im Zusammenspiel zwischen Sebastian und Hanno aus. Hier macht sich die Erfahrung des Regisseurs durchaus bemerkbar. Auch die sich anbahnende Liebesgeschichte, die niemals kitschig wird oder überhand nimmt, ist bis ins letzte Detail glaubhaft.

Verständigungsschwierigkeiten zwischen Vater und Sohn. ©Salzgeber
Was den Zuschauer allerdings immer wieder aus der Szenerie herausreißt, ist die Bildsprache. Oftmals fühlt man sich an die Nachmittagssendungen auf RTL und Sat1 erinnert, wenn es interfamiliär zu Streitereien kommt. Die Darsteller selbst wirken ab und zu etwas überfordert, die Dialoge ein wenig improvisiert. Auch die Kameraeinstellungen unterstützen diesen Eindruck. Das kann natürlich so gewollt sein, um eben den dokumentarischen Charakter zu unterstützen.
Aufgrund dessen fällt es dem Film hin und wieder schwer zu berühren und mitzureißen. Dank einiger surrealer Einfälle, die so nicht zu erwarten sind, bleibt der Zuschauer allerdings bei der Stange. "Ich fühl mich Disco" erzählt im Grunde eine kleine, intime Geschichte. Er will überhaupt nicht großes Kino sein, die volle Palette bieten. 

Was er jedoch bietet, sind sympathische, aus dem Leben gegriffene Charaktere, die allesamt ihr Päckchen zu tragen haben. Dass das eigentliche Thema rund um Homosexualität und Erwachsenwerden wunderbar leise und subtil eingeführt wird und eigentlich sogar in der Normalität verankert zu sein scheint, ist der eigentliche Verdienst des Films. Denn es ist überhaupt nicht besonders, oder gar andersartig das gleiche Geschlecht zu lieben.  

©Salzgeber
BEWERTUNG: 6,5/10
Titel: Ich fühl mich Disco
Produktionsland: Deutschland
FSK: ab 12 freigegeben
Regisseur: Axel Ranisch 
Darsteller: Christina Große, Frithjof Gawenda, Heiko Pinkowski, Rosa von Praunheim







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