Montag, 7. Oktober 2013

James McAvoy suhlt sich im Alkohol, Sex und allem was so dazu gehört - Sneakausgabe #6/Drecksau!




AB 17. OKTOBER IM KINO! ©Ascot Elite
Irvin Welsh ist unter den Buchautoren sicherlich ein Rüpel. Selbst früher in der Punk-Szene tätig und wegen mehrerer kleinerer Delikte im Gefängnis, dachte wohl niemand, dass in diesem Mann ein potenzieller Bestseller-Autor steckte. Mit dem Kultroman „Trainspotting“ änderte sich das Mitte der 90er jedoch schlagartig. Auch die gleichnamige Verfilmung von Danny Boyle dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben. Nun steht mit „Drecksau“ eine weitere Verfilmung eines seiner Bücher an. Und die hat es, wie nicht anders zu erwarten war, in sich. Es ging sogar soweit, dass die Polizei das Buch per einstweiliger Verfügung verbieten wollte. Was selbstverständlich bloß weitere PR bedeutete...

Nun, wer „Trainspotting“ schon gesehen hat, weiß, was ihn erwartet. Regisseur John S. Baird („Cass – Legend of a Hooligan“) führt den Zuschauer in eine Welt der kaputten Charaktere. Der schlimmste unter ihnen ist wohl Cop Bruce Robertson, der alles für die anstehende Beförderung tun würde. Er lügt, betrügt und ist gemeinhin nicht als nettester Mensch der Welt bekannt. Noch dazu ist er alkoholabhängig, drogensüchtig und hat ernsthafte psychische Probleme. Mehr Antagonist denn Protagonist also, was der Faszination des Filmes allerdings keinen Abbruch tut. „Drecksau“ (im Original knackig „Filth“) zieht sein Publikum mitten hinein, lässt ihn an sämtlichen Absurditäten und Perversitäten Robertsons teil haben. Anfangs mutet das noch ziemlich amüsant an. Robertson vögelt die Frau eines Kollegen, belästigt die eines Anderen mit Telefonanrufen und kommentiert die Handlungen seiner „Freunde“ mit hämischen Sprüchen aus dem Off. Der Rezipient lacht angesichts der offensichtlichen Probleme, die tief in diesem widersprüchlichen Menschen stecken müssen. Zu Beginn ist für Robertson nämlich alles ein großer Spaß. Sein Leben, das zunehmend außer Kontrolle gerät, hat für ihn nur noch wenig Bedeutung. 

Das hinter „Drecksau“ weit mehr als bloße Provokation steckt, wird erst mit fortschreitender Laufzeit ersichtlich. Anders, als der Trailer suggerierte, steckt hinter diesem Mann viel mehr, als es den Anschein hat. Der Rezipient wird immer mehr in die Rolle des Voyeurs gedrängt, denn Baird lässt seinen Darsteller des Öfteren die vierte Wand durchbrechen und direkt mit dem Publikum reden. So gesehen, nimmt es weitaus mehr an Robertsons teils gestörten Handlungen teil, als es das ohnehin tun würde. Die Figur kommuniziert mit dem Zuschauer, sie sagt:“Na? Wie findest du das? Warte nur ab, ich kann noch mehr!“. Es ist alles nur ein Spiel, doch wer gewinnt oder verliert, wird erst am Ende offensichtlich. 

Natürlich wäre die Glaubwürdigkeit des Geschehens massiv unter Beschuss, wenn nicht das richtige Team vor der Kamera agieren würde. Mit James McAvoy hat Baird allerdings die perfekte Besetzung gefunden. Obwohl McAvoy schon einige Glanzleistungen in seiner Karriere vollbracht hat („Der letzte König von Schottland“ oder „Abbitte“ beispielsweise) ist es die Rolle des Bruce Robertson, die ihn endgültig zu einem der besten und wandelbarsten Schauspieler seiner Generation macht. Er mimt den zwiegespaltenen und gebrochenen Mann, der sich hinter einer Maske aus Abscheu gegenüber seiner Umwelt versteckt, ungeheuer glaubwürdig. Stets findet er die richtigen Zwischentöne, weckt in den ruhigen Momenten Mitleid beim Zuschauer, obwohl dieser ihn eigentlich hassen müsste, für das, was er tut. 

Bruce Robertson (James McAvoy) verlieht zusehends die Kontrolle über sich. ©Ascot Elite
Doch auch der restliche Cast kann sich sehen lassen. Der ebenso talentierte Jamie Bell, als unsicherer Mitstreiter um die Beförderung, Imogen Poots, die im Zusammenspiel mit McAvoy für einen der Höhepunkte des Films sorgt oder Jim Broadbent, der maßgeblich am Albtraum Robertsons beteiligt ist. Nicht zu vergessen Eddie Marsan als Robertsons einziger Freund, der auf ewig ein Mann aus der zweiten Reihe sein wird und doch immer eine großartige Performance abliefert. 

Nicht nur die Eskapaden während des Films sorgen für gelungene Unterhaltung. Auch die Story weiß zu gefallen. Eingebettet im schottischen Lokalkolorit entspinnt sich Robertons Suche nach Buße in zynisch-düsteren Bildern, die sich von unbefangenem Feiern zu einem wahrhaften Albtraum entwickelt. Dabei schlägt der Film zum Ende hin ein paar Haken, die der Zuschauer in dieser Art sicherlich nicht erwartet hat. Was wiederum perfekt zu „Drecksau“ passt, diesem kleinen, fiesen und überaus kaltschnäuzigen Fiesling von Film. Der überaus passende Score treibt das Geschehen noch auf die Spitze.

Wer kann, sollte dabei unbedingt auf die Originalversion zurückgreifen. Die Synchronisation ist kaum in der Lage die besondere Atmosphäre des Films aufzugreifen. Besonders schade ist das Verlorengehen des schottischen Akzents, was „Filth“ einiges an Faszination rauben dürfte. Fluchen können die Schotten bzw. sämtliche englischsprachige Menschen eben doch am Besten.
„Drecksau“ ist ruppiges Kino, das sich nicht scheut, seinen Hauptcharakter von der Leine zu lassen um ihn immer tiefer in einen Sumpf aus Drogen, Sex und Alkohol zu ziehen. Dass der Zuschauer trotzdem ständig am Ball bleibt ist ein großer Verdienst von Autor Irvin Welsh, des Regisseurs John S. Baird, sowie des phänomenal spielenden James McAvoys. Subtil ist an „Filth“ zwar rein gar nichts, aber das möchte der Streifen auch zu keiner Zeit sein. Provokantes Kino, wie man es von der Insel gerne sieht. 

©Ascot Elite
BEWERTUNG: 08/10
Titel: Drecksau (Filth)
FSK: ab 16 freigegeben
Regisseur: John S. Baird
Darsteller: James McAvoy, Jamie Bell, Jim Broadbent, Imogen Poots,  Eddie Marsan
















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