Donnerstag, 17. Oktober 2013

Dein Kind wird entführt - wie weit bist du bereit zu gehen? // Prisoners!




©Tobis
Es ist wohl der Albtraum eines jeden Vaters bzw. einer jeden Mutter. Die Entführung des eigenen Kindes. Vollkommen unbefangen trifft man sich mit Freunden um Thanksgiving zu feiern. Alle sind gut gelaunt, es wird gelacht, gespielt. Die Kinder wollen kurz nach draußen um etwas zu holen. Versprechen, sofort wieder zurückzukommen. Natürlich wird zugestimmt, was ist denn schon dabei?
Eine halbe Stunde später sind sie allerdings noch nicht wieder da. Man fängt an zu suchen. Das Haus, der Garten, der Keller. 

Nichts.
Wo könnten sie sein? Langsam macht sich Unruhe breit, das Gefühl, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Ein, zwei Stunden vergehen ohne etwas von ihnen gehört zu haben. Verzweiflung schwappt von einem Beteiligten zum Nächsten. Die Polizei wird verständigt. Hysterie findet ihren Weg, fegt die zur Schau getragene Gelassenheit beiseite.
Weitere Stunden vergehen. Was ist nur passiert? 

Dies ist die Ausgangslage des Thrillers „Prisoners“, der vor Kurzem im Kino erschienen ist. Regisseur Denis Villeneuve, der 2010 mit „Incendies – Die Frau die singt“ mit einer Oscarnominierung bedacht wurde – präsentiert die zwei betroffenen Familien in den Anfangsminuten ungemein sympathisch. Stets bleibt er dicht am Geschehen, stellt die Charaktere vor und zeigt mustergültig, wie eine eigentlich heitere Feier in nacktes Grauen umschlagen kann. Der Beginn des Films wirkt überaus authentisch, zieht den Zuschauer mitten ins Geschehen. Fast schon atemlos verfolgt er die ersten Schritte der Polizei, die Inobhutnahme des ersten Verdächtigen. Hierbei wird neben den Familien eine weitere wichtige Figur eingeführt. Detective Loki (Jake Gyllenhaal), der Leiter der Ermittlungen. 

Bis zu diesem Moment macht „Prisoners“ alles richtig und ist auf bestem Wege zu Genre-Meisterwerken a la „Sieben“ aufzuschließen. Doch mit fortschreitender Laufzeit verliert der Film leider zunehmend an Drive. 

Ist anfangs noch eine gewisse Grundspannung vorhanden, versiegt diese nach und nach. Ein durchgehender Spannungsbogen ist nicht auszumachen, sie generiert sich nur durch gelungene Einzelszenen. Der Film verheddert sich in einigen Subplots, will unheimlich viele Themen ansprechen und schafft es nicht, eines in seiner Gänze auszuformulieren. 

Loki( Jake Gyllenhaal) versucht alles aus dem Verdächtigen (Paul Dano) herauszubekommen! ©Tobis
So mischt Drehbuchautor Aaron Guzikowski Motive der Selbstjustiz mit dem Verlust des Glaubens der Opfer oder widmet sich im nächsten Moment wieder Loki und seinen Selbstzweifeln. „Prisoners“ scheitert also an seinen selbstgesteckten Zielen. Er weiß nicht, ob er bloßes Unterhaltungsprodukt im Thriller-Segment sein will, oder aber grundsätzliche menschliche Thesen bearbeiten bzw. anreißen will. Dazu kommt, dass der Zuschauer zum Ende hin den Ermittlern ein paar Schritte voraus ist und nur auf des Rätsels Auflösung wartet. In seinen überaus langen 150 Minuten versucht Regisseur Villeneuve also eine Vielzahl an Fragen aufzuwerfen, was dem Erzählfluss des Films nicht gut tut.
Das klingt nun aber schlimmer, als es eigentlich ist. 

Die Figur des Detective Loki ist beispielsweise äußerst interessant, was mit Sicherheit an Jake Gyllenhal liegt. Der gibt seiner Figur nämlich allein durch Gang, Gestik und reduzierter Mimik einiges an Tiefe. Der Zuschauer spürt förmlich seine Abgestumpftheit, das dicke Fell, das er sich durch Jahre der Polizeiarbeit zugelegt hat. Sei es ein nervöses Blinzeln, der schlurfende Gang – Gyllenhal hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. Auch der restliche (namhafte) Cast muss sich nicht verstecken. Paul Dano beweist trotz geringer Screentime, dass er schlichtweg alles spielen kann und Hugh Jackman fängt die Hilflosigkeit seiner Vaterfigur, die ihn die Grenzen seines moralischen Denkens ausloten lässt, gekonnt ein. Dank der Darsteller bleibt der Zuschauer also am Ball, selbst wenn ein gelegentlicher Blick auf die Uhr nicht auszuschließen ist. Dafür besitzt der Film einen gewissen dokumentarischen Flair, da das Szenario äußerst realistisch und zu Teilen auch erschreckend wirkt. Weniger optisch aufgemöbelt als „Sieben“ und in Sachen Figurenentwicklung eher in Richtung „Memories of Murder“ gehend, hat „Prisoners“ seinen eigenen Charme. 

Schade nur, dass das Finale kaum die sogartige Spannung entfalten kann, die eigentlich erwartet wird. Hier macht sich wieder einmal die aufgeplusterte Laufzeit bemerkbar, wodurch die Schlussminuten ihre dramatischen Qualitäten nicht ausfüllen können. Irgendwann ist nun mal auch gut. Was bleibt, ist ein sehenswerter Thriller, der allerdings nicht über die vollen 150 Minuten zu packen weiß. Dank der Figuren rettet sich „Prisoners“ jedoch passabel über die Zeit. 


©Tobis
BEWERTUNG: 07/10
Titel: Prisoners
FSK: ab 16 freigegeben
Laufzeit: 149 Min
Regisseur: Denis Villeneuve
Darsteller: Hugh Jackman, Jake Gyllenhaal, Viola Davis, Paul Dano, Maria Bello, Terrence Howard 




















Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen