Dienstag, 3. September 2013

Torchwood - Children of Earth/Viel besser kann Science Fiction nicht mehr werden!


©Polyband

„Torchwood“ krankte in den bisherigen zwei Staffeln grundsätzlich daran, keinen roten Faden zu besitzen. Das Team rund um Captain Jack Harkness hechtete von Woche zu Woche einem neuen Feind entgegen, was der Dramatik einiges an Wirkung nahm. Nichtsdestotrotz baute sich langsam eine Bindung zu den einzelnen Charakteren auf, was in einem fulminanten Finale in Staffel 2 gipfelte. 

Mit dem 5-Teiler „Children of Earth“ geht die Science Fiction-Serie nun also in die dritte Runde.
Die Episoden ließen sich auch kurz und bündig mit einem Wort zusammenfassen: WAHNSINN!
Doch natürlich wird noch ein wenig ausführlicher auf die Gründe eingegangen. 

Es beginnt eigentlich vollkommen harmlos, zumindest für Torchwood-Verhältnisse.
Sämtliche Kinder dieser Erde stoppen, bleiben stehen und rühren sich nicht mehr. Sie alle verkünden die unheilvollen Worte:“We are coming!“ 

Für das Team selbstverständlich Grund genug sich der Sache anzunehmen. Dieses mal wird jedoch auch die Politik miteinbezogen. Neue Charaktere rund um den Politiker John Frobisher und dem Premier Minister werden eingeführt. Zum ersten mal sieht der Zuschauer also auch die Obrigkeit wie sie mit dem Problem einer möglichen Alien-Invasion umgeht.

Die Kinder sind in Gefahr. Gwen Cooper versucht alles um sie zu retten! ©Polyband

Die verbliebenen Charaktere um Gwen Cooper und Ianto Jones werden weiter vertieft. Vor allem über Jones erfährt der Zuschauer einiges mehr, was folgende Geschehnisse nur noch tragischer erscheinen lassen. Schön zu sehen, wie sich die Figuren weiterentwickelt haben und die Unsicherheit der letzten Staffeln vollends verschwunden ist. Endlich nimmt der Rezipient ihnen ab, Teil einer Elite-Einheit zu sein. 

Die Stimmung zu Beginn der Staffel ist im Grunde ungezwungen. Es wird viel gelacht, wirkliche Anzeichen, für das, was noch kommt, gibt es nicht. Showrunner Russell T. Davies führt den Zuschauer an der Nase herum, um ihm mit fortschreitender Laufzeit eiskalt den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Sobald sich nämlich die Bedrohung offenbart, fängt die Serie erst wirklich an. Dies ist auch der brillante Auftritt des Peter Capaldi in der Rolle des Mittelsmann Frobisher. Der Erstkontakt zwischen den Aliens und ihm zählt zu den Highlights der Serie und dürfte Einige vor den Fernsehern zum Nägelkauen animieren. 

Ab diesem Moment geht es Schlag auf Schlag. Die Stimmung kippt von locker-machbar hin zu düster-bedrohlich. Witzige Momente sind fast komplett gestrichen, es wird im Gegensatz immer schlimmer. Ist die Ursprungs-Serie „Doctor Who“ stets ein wenig extrovertiert, so scheint in „Torchwood“ düsterer Realismus durch. Hier gibt es keine Wunderwaffen, kein Held in strahlender Rüstung. Charaktere, zuerst klar auf der falschen Seite, erscheinen in neuem Licht und die eigentlichen Helden der Geschichte haben keine weiße Weste mehr. Die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt, was sämtliche Figuren ungewohnt ambivalent darstellt. Selbst neu eingeführte Nebenfiguren besitzen Tiefe und egal, wie hart die Entscheidungen sind, die sie treffen, der Zuschauer zittert mit. Schnell wird klar: Hier ist alles möglich. 

Was versteckt sich dort im Nebel? ©Polyband
Ganz nebenbei veranschaulicht „Children of the Earth“ wunderbar, wie die Politik auf solch eine Ausnahmesituation reagieren würde. Sind anfangs noch die Aliens die klare Bedrohung, wandelt sich das Bild alsbald und der Mensch offenbart sich als das eigentliche Monster. Gänsehaut schleicht sich ein, wenn in kleinen Büroräumen der Fortbestand der Menschheit diskutiert wird und sämtliche Entscheidungsträger zuerst mit einem Auge auf ihr eigenes Wohlbefinden schielen.

Viel näher an der Realität kann Fernsehen nicht sein und das ist es auch, was die dritte Staffel von „Torchwood“ zur Speerspitze des Genres erhebt. 

Ein paar Schönheitsfehler gibt es hier und da, doch das ist Meckern auf astronomisch hohem Niveau. So gibt es in Folge 2 den wohl schlechtesten Scharfschützen des britischen Fernsehens zu beobachten und generell ist das Verhalten der feindlichen Truppe in den Actionszenen etwas unglücklich. Doch sobald die Waffen ab Erstkontakt (Ende Folge 2) schweigen und nur noch das gesprochene Wort für Spannung sorgt, blickt der Zuschauer gebannt auf den Bildschirm. Im selben Maße hat sich die Serie auch formal weiterentwickelt. Der Look der Episoden ist absolut kinotauglich, der Score ein ganzes Stück orchestraler und wuchtiger angelegt, als zuvor. Dies passt allerdings wunderbar zur bisher größten Bedrohung, der Torchwood je ausgesetzt war. Interessanterweise besitzt die gesamte Staffel gefühlt weniger Effect Shots, als eine klassische einzelne "Torchwood"-Episode der vergangenen Staffeln. Die Aliens bleiben immer im Hintergrund und werden nie zur Gänze gezeigt, was den Gruselfaktor immens erhöht.

Selten erreicht hervorragendes Schauspiel, Dramatik und ein gehöriges Maß an Emotionen einen derart hohen Standard. Konsequent setzt Russell T. Davies seine Vision in die Tat um, geizt nicht mit zu Herzen gehenden Szenen und reißt dem Zuschauer das Herz mehrmals heraus. Mehrmals findet sich ein dicker Kloß im Hals, wenn liebgewonnene Charaktere leiden, sterben oder furchtbare Entscheidungen treffen müssen. Besonders Harkness wird von Davies durch die Hölle geschickt und nie wieder wirklich entlassen. 

„Torchwood“ hat mit Staffel 3 einen Meilenstein der Science Fiction inne, der sich lohnt gesehen zu werden. Mit "Children of Earth" bekommen die Fans endlich die Serie, die ihnen versprochen wurde. Ernster als "Doctor Who", unbequemere Fragen und Lösungen, die niemals alle zufrieden stellen. So hätte die Serie von Anfang an aussehen sollen. Glasklare Empfehlung!

Kritik zu Staffel 1 und 2 findet ihr hier!
Kritik zu Staffel 4 (Miracle Day) findet ihr hier!

©Polyband
BEWERTUNG: 9,5/10
Titel: Torchwood - Children of Earth
FSK: ab 16 freigegeben
Produktionsland: UK
Produzent/Autor: Russell T. Davies
Darsteller: John Barrowman, Eve Myles, Gareth David-Lloyds, Peter Capaldi

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