Montag, 16. September 2013

Stell dir vor Niemand stirbt und die Welt geht trotzdem vor die Hunde - "Miracle Day"/Torchwood Staffel 4


©Polyband



Die britische Science Fiction Serie „Torchwood“ startete 2006 als Spin Off der bekannten „Doctor Who“-Reihe, die weltweit großes Ansehen genießt und nebenbei noch im Guinnes Buch der Rekorde steht. 

„Torchwood“ selbst sollte das erwachsene Pendant zur Mutter-Serie darstellen. Die Charaktere reifer, die Thematik anspruchsvoller und der gesamte Ton um ein Vielfaches düsterer. So ganz wollte das Rezept jedoch nicht aufgehen. Staffel 1 hatte massive Probleme überhaupt fesseln zu können. Keine durchgehende Storyline, teilweise dilettantisch vorgehende Figuren und Effekte auf Trashfilm-Niveau. Erst gegen Ende entfaltete sich das Potenzial und das Interesse wurde geweckt. Die Fortsetzung führte diesen Trend glücklicherweise fort. Fantastische Gaststars, ein Episoden übergreifender Spannungsbogen(zumindest beinahe) und eine deutliche Steigerung des Budgets. Dazu durfte der Zuschauer endlich mit den inzwischen lieb gewonnenen Charakteren mitfiebern und „Torchwood“ emanzipierte sich sodann erfolgreich vom großen Bruder. 

Der Fünfteiler „Children of Earth“ (Staffel 3) löste nun endlich das Versprechen ein, das die Macher von Anfang an gegeben hatten. Intelligente Unterhaltung, die ohne Umschweife zur Speerspitze des Genres gezählt werden darf. Natürlich nicht ohne kleine Schönheitsfehler entfacht Showrunner Russell T. Davies ein unheimliches Szenario, in dem es keine Helden gibt, schickt seine Hauptdarsteller durch die Hölle und lässt dem Zuschauer angesichts der Machtlosigkeit und Skrupellosigkeit von Politik und Armee einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Viel besser und vor allem realistischer kann Science Fiction nicht mehr werden. 

Neuzugänge im Team: Esther Drummond(Alexa Havins) und Rex Matheson(Mekhi Phifer) ©Polyband

Im Grunde genommen stellte „Children of Earth“ den perfekten Abschluss einer letztendlich großartigen Serie dar. 

Doch zusammen mit dem amerikanischen Sender StarZ lies sich die BBC auf ein viertes Abenteuer mit Jack Harkness und Konsorten ein. 

Unter dem Namen „Miracle Day“ wurde ein Zehnteiler mit übergreifender Handlung entwickelt. Statt dem charmanten walisischen Cardiff ist nun Amerika der Haupt-Handlungsort. Die Überbleibsel des Teams werden mit neuen Mitgliedern konfrontiert, als auch einem neuen Feind.
Die Prämisse der bislang letzten Staffel ist so einfach wie genial. 

Man stelle sich vor, überall auf der Welt würden die Menschen aufhören zu sterben. Sie verletzen sich zwar noch, bekommen Krankheiten und werden alt, doch etwas hindert sie daran zu sterben. Die Population steigt ins Unermessliche und bald schon sind Regierungen weltweit gezwungen ihre kranke Bevölkerung in Camps einzulagern und wegzusperren. 

Gwen Cooper, Mitglied der Torchwood-Organisation seit Staffel 1, wird wieder zurück in den Dienst verfrachtet und muss ihren bemitleidenswerten Ehemann samt Kind zurücklassen. Zusammen mit Captain Jack Harkness geht es Richtung Amerika. Ihnen zur Seite wird der großmäulige afroamerikanische CIA-Agent Rex Matheson(gespielt von dem großartigen Mekhi Phifer), sowie Computer-Spezialistin Esther Drummond gestellt. Ersterer lockert das Geschehen spürbar auf, während Letztere den Preis der Drama Queen spendiert bekommt. 

Hier wären wir auch schon bei einem Problem der aktuellsten Staffel von „Torchwood“ angelangt. War „Children of Earth“ ein durch und durch ernstes Unterfangen, so ist der Ton von „Miracle Day“ deutlich fröhlicher. Immer wieder gibt es einen witzigen Oneliner, vor allem im Zusammenspiel zwischen Jack und Rex. Das ist keinesfalls schlecht, unterläuft jedoch die vorher propagierte Ernsthaftigkeit ein wenig. Am schlimmsten erwischt es jedoch die Figur Esther. Durch sie gerät das Team wiederholt in Schwierigkeiten. Allein aufgrund ihres Verhaltens gelingt es den Widersachern hin und wieder Torchwood ein Schnippchen zu schlagen. Generell wird versucht ihrem Charakter etwas Tiefe zu verleihen, was aufgrund ihrer dämlichen Handlungen jedoch gründlich misslingt. Mit dieser künstlichen Portion Drama macht sich der Einfluss der Amerikaner doch ein wenig bemerkbar. Im Negativen Sinne. 

Was hat Kindermörder Oswald Danes (großartig: Bill Pullman!) mit Miracle Day zu tun? ©Polyband

Doch auch wenn „Miracle Day“ im Großen und Ganzen die Fans nicht zufrieden stellen konnte, sehenswert ist das Geschehen allemal. 

Dafür allein sorgt schon der stets wunderbare Bill Pullman. Als zum Tode verurteilter Kindermörder Oswald Danes legt er eine Galavorstellung hin, die nicht selten Gänsehaut auslöst. Sein Wandel vom hassenswerten Individuum zum gefeierten Medienstar ist spannend und von der Realität gar nicht mal so weit entfernt. Hier baut die Serie Großes auf, was sich leider nicht bis zum Ende hin hält. Die Figur des Oswald Danes birgt immenses Potenzial, das leider nicht ganz ausgeschöpft wird. „Miracle Day“ funktioniert zudem vorzüglich als kritischer Kommentar zum amerikanischen Gesundheitssystem. Hat das Land heutzutage Schwierigkeiten auch die sozial Schwachen mit einem Mindestmaß an medizinischer Versorgung zu bedenken, so bricht das Gesundheitswesen angesichts dieser Krise vollständig zusammen. Die Menschen werden in Lager eingepfercht, ohne Chance auf Hilfe oder Besserung. Hier erreicht der nunmehr vierte Ableger durchaus die Qualität des Vorgängers „Children of Earth“. Drastisch wird das weltweite Leid der Bevölkerung eingefangen, natürlich sind auch Bezüge auf deutsche Konzentrationslager, als auch Judenverfolgung gegeben. Glaubhaft vermittelt die Serie, dass solche Zustände ohne Weiteres auch heute möglich sein können.
BBC und StarZ lassen sich außerdem keinesfalls lumpen. Die Sets sehen fantastisch aus, die Effekte großartig. Hier wurde angemessen viel Geld investiert um die Vision einer niemals sterbenden Welt adäquat einzufangen. 

Schade ist allerdings, dass die Teammitglieder oftmals unabhängig voneinander agieren. So ist Gwen häufig in Wales, während Jack in Amerika sein Unwesen treibt. Hier fehlt ein wenig die Gruppendynamik, die die vorherigen Staffeln noch auszeichnete. Captain Jack Harkness, das eigentliche Aushängeschild der Serie, wird zur Nebenfigur degradiert. Lediglich zum Ende hin gewinnt seine Rolle wieder an Bedeutung, vorher ist er seltsamerweise nur Einer unter Vielen. Das ist sicherlich auch den Neuzugängen zu verdanken, obwohl der Zuschauer zumindest auf Esther Drummond gerne verzichten würde. 

Nichtsdestotrotz ist „Miracle Day“ äußerst gelungen. Durchweg spannend, erzählt uns Davies von einer Welt, die dem Untergang geweiht ist, obwohl das ewige Leben für Jeden zu haben ist. Mit der benötigten Härte präsentiert er uns eine hilflose Regierung, die mit dieser Ausnahmesituation nicht umgehen kann. Sicherlich wirkt „Miracle Day“ ein wenig amerikanischer und fühlt sich nicht mehr wie die vorherigen Torchwood-Staffeln an, doch in puncto Unterhaltung ist sie immer noch ein Stein im Brett. Es ist richtiggehend traurig, dass bisher keine weiteren Episoden produziert wurden. Zwar ist die Handlung in sich abgeschlossen, allerdings möchte der Zuschauer trotzdem wissen, wie es denn nun weitergeht. Produzent Russell T. Davies jedenfalls hat zu weiteren Geschichten rund um „Torchwood“ nicht nein gesagt, als auch der Sender StarZ. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Im Falle vom unsterblichen Jack Harkness wohl nie. 

Den Link zur Kritik von Staffel 1 und 2 findet ihr hier. 
Den Link zur Kritik von Staffel 3 (Children of Earth) findet ihr hier. 

©Polyband
BEWERTUNG: 8,5/10
Titel: Torchwood - Miracle Day
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Science Fiction, Action, Drama
Produktionsländer: England, USA
Produzent/Autor: Russell T. Davies
Darsteller: John Barrowman, Mekhi Phifer, Eve Myles, Bill Pullman, Arlene Tur, Kai Owen


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