Mittwoch, 18. September 2013

Die Gefahr nähert sich auf leisen Sohlen um erbarmungslos zuzuschlagen... - "Stoker"!


©20th Century Fox
 This is me. Just as a flower does not choose its color, we are not responsible for what we have come to be. Only once you realize this do you become free, and to become adult is to become free.


Es ist inzwischen das alte Lied. Talentierte fernöstliche Regisseure suchen ihren Weg nach Übersee um international durchzustarten. Diesen Weg ging schon John Woo, dessen Talent zwischen den Zahnrädern der amerikanischen Filmindustrie unterging und leider nicht voll ausgeschöpft werden konnte. „Face/Off“ natürlich ausgenommen.
Dieses Jahr versuchen sich gleich zwei Publikums-Lieblinge in Amerika. Kim Jee Woon, der mit seinem Arniefilm „The Last Stand“ leider baden ging und nun auch Park Chan-Wook mit „Stoker“. Letzterer lässt sich jedoch nicht, wie befürchtet, einengen. 
Chan-Wook zieht sein Ding von Anfang bis Ende durch und lässt keine Kompromisse zu. „Stoker“ mag also nicht sein bester Film sein – an Schönheit und Erhabenheit kann sich jedoch keiner seiner Vorgänger mit ihm messen. 
„Stoker“ ist auch kein durchgängiger Psychothriller oder gar Horrorfilm. Wer etwas derartiges erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Viel mehr ist Chan-Wooks Film ein leiser, ruhiger Film über das Erwachsenwerden einer Frau, die in ihrer eigenen Welt lebt und sich plötzlich mit einer traumatischen Situation arrangieren muss. 

Dies nimmt der Regisseur zum Anlass um jedes seiner Bilder mit Symbolik zu beladen. Manchmal ganz offensichtlich, doch oft auch geradezu unscheinbar im Hintergrund versteckt. So gesehen, bietet „Stoker“ genügend Gründe um mehrere Male genossen und erlebt zu werden.

„Erlebt“ ist dabei das passende Wort – denn nichts anderes ist dieser Film. 


Ein Erlebnis für die Sinne, von Szene eins an streng durchkomponiert, mit genauestens arrangierten Bilderfolgen, überwältigenden Bildmontagen und einer Schnitttechnik, die dermaßen filigran und einfühlsam eingesetzt ist, dass gar kein Zweifel aufkommen kann, dass es sich hierbei um Kunst auf höchstem Niveau handelt. Der Vergleich mit dem Master of Suspense Alfred Hitchcock drängt sich nicht nur einmal überdeutlich auf. 

Was führt der Onkel genau im Schilde? ©20th Century Fox


Park Chan-Wook ist ein Ausnahmeregisseur, der – wie kein Zweiter – es versteht, mit Bildern Emotionen zu wecken und die Standpunkte seiner Figuren klar abzustecken.

Besonders hervorzuheben sind dabei die gemeinsamen Dinnerszenen, die wunderbar veranschaulichen, wie es in jedem Charakter gerade zugeht, wo er steht und wie sein Verhältnis zu dem jeweils anderen ist. Die Dreiecksbeziehung zwischen Mutter (Kidman), Tochter (Wasikowska) und Onkel (Goode) ist dabei äußerst packend und durchzogen von einer beinahe schon mystischen Note. 


Es gibt wohl kaum einen anderen Regisseur, der so virtuos inszenieren kann, wie Park Chan-Wook. Keine Einstellung ist dem Zufall überlassen, kein Einrichtungsgegenstand am falschen Platz oder bloß zufällig dort abgestellt. Die unglaublich eleganten Kamerafahrten, aus denen der Film einen Großteil seiner Atmosphäre bezieht, sind äußerst durchdacht und intelligent. 


Es scheint, als wäre Chan-Wook einer der Wenigen, der begreift, dass das Medium Film zu mehr taugt, als bloßer Augenwischerei und Unterhaltung. Film ist Kunst und niemand macht das begreifbarer als eben dieses südkoreanische Wunderkind. Schon in "Oldboy" oder "JSA" vermochte er, Schrecken und Horror in ungewöhnlich schöne Bilder-Orgien zu verwandeln. Diese Gleichstellung, die sich eigentlich widerspricht, verdeutlichte stets die Widersprüchlichkeit der Figuren, ihre ambivalente Veranlagung.  Die der Wirklichkeit entrückte sommertraumartige Atmosphäre, mit seinen hellen Bildern, die ungewöhnlich detaillierte Soundkulisse – all das trägt zum Zauber des Films bei und lässt ihn größer wirken, als er eigentlich ist. 


Denn seien wir mal ehrlich: Das Drehbuch ist gerade mal im Mittelmaß anzusiedeln und der Film als solcher ein Blender. Böse ausgedrückt.


Die Geschichte selbst rund um einen weiblichen, etwas schwierigen Teenager und den mysteriösen Onkel ist kaum der Rede wert und zu weiten Teilen auch ziemlich vorhersehbar. Von Anfang an ist klar, dass hinter dem hervorragend agierenden Matthew Goode mehr steckt, als es zuerst den Anschein hat. Die Figuren verinnerlichen niemals die Tiefe, die "Oldboy" aus jeder Pore troff. Ihre Absichten sind zumeist glasklar, Überraschungen treten eher selten auf.


Doch was Park Chan-Wook daraus macht, ist bemerkenswert. Selbst ein zu weiten Teilen mittelmäßiges Drehbuch kann in der Hand eines einzigartigen Regisseurs zu etwas Großem heranwachsen. Das Gefühl der unmittelbaren Gefahr verdeutlicht sich mit fortschreitender Laufzeit, seltsame Vorkommnisse häufen sich und kulminieren in einem virtuos als auch mitreißend eingefangenem Finale. So ist der Film zwar Park Chan-Wooks flachster Eintrag in seiner bemerkenswerten Filmographie - doch sein Stil war ironischerweise nie zuvor derart formvollendet.  „Stoker“ ist – so abgedroschen diese Phrase auch klingen mag – demnach verdammt großes Kino!



©20th Century Fox
Bewertung: 8,5/10
Titel: Stoker
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama, Thriller
Regisseur: Park Chan-Wook
Darsteller: Mia Wasikowska, Nicole Kidman, Matthew Goode









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