Montag, 23. September 2013

Der Mensch, wie er nun mal ist - Finsterworld/ Sneakausgabe #5




Kinostart 17. Oktober ©Alamode
Mit „Finsterworld“ legt Regisseurin Frauke Finsterwalder ihr Spielfimdebüt vor. Zusammen mit ihrem Mann Christian Kracht zeigt sie Deutschland mal von einer anderen, skurrilen Seite.
Angelegt als Episodenfilm, kreuzt Finsterwalder den Weg mehrerer unterschiedlicher Personen, die allesamt mehr oder weniger miteinander zu tun haben. 

Dabei entspinnt sich ein Potpourri verschiedensten Genre-Typen. Mal ist „Finsterworld“ eine Art alternatives Roadmovie, mal Beziehungsdrama, nur um später wieder in dramatische Gefilde abzudriften. All das ist stets unterlegt mit einem satirischen Grundton, der dem Film eine irritierende Note verleiht. So ganz weiß der Zuschauer nämlich nicht, woran er an „Finsterworld“ schlussendlich ist. 

Sneakausgabe #5
Eine Satire über die Identitätssuche des Deutschen? Teilweise. Eine Studie über die Verschrobenheit des Menschen? Teilweise. Ein Gedankengang zu der Stellung Deutschlands im Ausland? Teilweise.
Hier offenbart sich Finsterwalders Ursprung im Dokumentarfilm. Sie versteht es, ihre Figuren genau zu durchleuchten und ihnen – trotz der hohen Anzahl an Protagonisten – Tiefe zu verleihen. So persifliert sie sich in der Rolle der Dokumentarfilmerin Franziska glatt selbst und stellt sich als egomanisches, hysterisches und selbstbelügendes Individuum dar. Sie ist auch die Einzige, die nicht aus ihrem üblichen Trott ausbrechen will. Während sämtliche Figuren eine mehr oder weniger absonderliche Vorliebe haben, um dem Alltag(-> Deutschland) zu entfliehen, ist sie diejenige, die sich strikt an ihren Job klammert. 

Für sich genommen sind die einzelnen Episoden rund um Klassenfahrten, Dienstreisen und Liebesabenteuer überaus gelungen. Wie schon erwähnt, sind die Figuren in ihrer Verschrobenheit wunderbare Karikaturen, über die der Zuschauer lachen darf. Zumindest anfangs. 



Der Ton des Films schwenkt mit fortschreitender Laufzeit von heiter schräg hin zu den Abgründen des Menschen. Was mit einem Lacher begann, verformt sich zu einer Maske des Grauen. Wenn der Schleier der Menschlichkeit fällt und dahinter nur Gemeinheit, Arroganz und Niederträchtigkeit ihren Platz findet, läuft „Finsterworld“ zur Höchstform auf. 

Hier beginnt der Film auch spürbar an Fahrt aufzunehmen. Die Konzentration des Rezipienten steigt, die Spannung nimmt zu und die einzelnen Episoden verdichten sich endlich zu einem Ganzen. Leider braucht „Finsterworld“ aber ziemlich lange, bis er an diesen Punkt gelangt. Vorher werden dem Zuschauer nur einzelne Häppchen vorgeworfen, die keinerlei Bindung zu den Charakteren oder der Geschichte im Allgemeinen zulassen. Auch der Wechsel zwischen Heiterkeit und Ernsthaftigkeit ist oftmals schlichtweg irritierend. Ab und zu ist nicht sicher, welche Gefühle die Regisseurin nun hervorrufen will. Da „Finsterworld“ jedoch sowieso von Haus aus auf Irritation und Skurrilität aus ist, könnte dies ein weiteres Stilmittel sein. 

Die Schüler ( unter anderem Carla Juri) haben nicht wirklich Lust auf einen KZ-Besuch. ©Alamode
Was ohne Zweifel festgestellt werden darf: Das Schauspiel-Ensemble ist hervorragend. Für ein Spielfilmdebüt hat Finsterwalder einen beeindruckenden Cast auf die Beine gestellt. Corinna Harfouch und Bernhard Schütz als zeterndes und Deutschland hassendes Ehepaar, sowie Carla Juri („Feuchtgebiete“) und Ronald Zehrfelch („Im Angesicht des Verbrechens“) in weiteren Rollen. Hier passt alles und das ist auch der Grund, warum der Zuschauer nicht nach der ersten halben Stunde gelangweilt abschaltet. Die Darsteller agieren vortrefflich und bringen Schwung in die zu Beginn noch zerfaserte Handlung. 

Zwischen Furry-Partys, bei denen sich Leute in Tierkostümen aneinander reiben, Hasspredigten auf Deutschland und gefährlichen KZ-Besuchen eröffnet sich dem Zuschauer ein trauriges Bild Deutschlands, in dem niemand vollkommen glücklich ist und sich Jedermann hinter der Fassade der Bürgerlichkeit versteckt. Überspitzt und satirisch dargestellt und auf seine Art ein bürgerliches Trauerspiel. Denn wirklich glücklich ist in „Finsterworld“ niemand. Nicht einmal, oder vielleicht sogar gerade nicht die gehobene Bourgeoisie, die in diesem Film gezeigt wird. 

©Alamode
BEWERTUNG: 6/10
Titel: Finsterworld
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Satire, Drama, Komödie
Produktionsland: Deutschland
Regisseurin: Frauke Finsterwalder
Darsteller: Carla Juri, Corinna Harfouch, Ronald Zehrfelch, Bernhard Schütz

















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