Samstag, 7. September 2013

Audreys Gedanken zu... Antoine Doinel


Einer meiner Lieblingsregisseure ist François Truffaut. Für diejenigen, die ihn noch nicht kennen: Er ist ein längst verstorbener Mitbegründer der französischen Filmbewegung Nouvelle Vague, die Ende der 50er entstand und ihre Blütezeit in den 60er hatte. Er machte geniale Filme. Zu seiner wirklich köstlichen Filmographie - sie ist wie ein gutes Musikalbum, einfach jedes Stück funktioniert und fügt sich unentbehrlich ein - gehört auch ein Zyklus über einen Mann namens Antoine Doinel. Sie besteht aus vier Langfilmen und einem Kurzfilm. Les Quatre Cents Coups, Antoine et Colette, Baisers Volés, Domicile Conjugal und L'amour en fuite.

Truffaut wollte mit der Figur Antoine Doinel seine Kindheit verarbeiten. Dies geschah im ersten Film. Für einen Episodenfilm machte er dann den zweiten Antoine-Doinel-Film, in dem er seine erste Liebe thematisierte. Ein Zyklus war geboren. Im dritten Film begegnete Antoine seiner großen Liebe, sie verlobten sich. Im vierten Film wurde der Ehealltag gezeigt und im fünften ließ man Revue passieren, zeigte das Leben nach der Scheidung und beendete den Zyklus für immer. Vor ein paar Tagen schaute ich den fünften Film, der Zyklus war zu Ende und ich hatte ähnliche Tränen in den Augen wie am Ende von Twin Peaks. Einfach weil Antoine Doinel mir so sehr ans Herz gewachsen war. Es ist so als ob mir ein Fremder seine komplette Lebensgeschichte anvertraut hätte oder als ob jemand den man sehr mag einem etwas erzählt hätte, was er noch nie jemanden erzählt hat.

Jeder Filmfreund wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass Filmfiguren mit denen man sich regelrecht anfreundet gleichzeitig Fluch und Segen sind. Ein Fluch, weil der Film oder die Serie irgendwann zu Ende ist und wir erkennen müssen, dass sie nur auf der Leinwand existierten. Ein Segen, weil es gar nicht so oft vorkommt, dass wir so vollkommen mitfühlen können und es uns glücklich macht.

Am häufigsten kommt es noch in Serien vor, ich denke da an Dale Cooper oder Jesse Pinkman, aber auch da ist es mehr Ausnahme als Regel und lässt sich eher auf die insgesamt lange Laufzeit zurückführen als auf den Charakter selber. In Filmen müssen wir uns schon weit umschauen, um dort solche Filmcharaktere zu finden. Auf Anhieb fallen mir persönlich neben Antoine Doinel noch Holly Golightly und vielleicht Indiana Jones und Forrest Gump ein.

Es war doch schon immer so, dass wir ins Kino gingen wegen den Darstellern, dem Regisseur und nicht wegen der Filmfigur. Wir zeigen nicht auf die Leinwand und sagen "Oh, das ist Julian" sondern "Oh, das ist Ryan Gosling". Die meisten verbinden die Filme auch gar nicht mal mit Regisseuren, sondern wirklich nur mit den Schauspielern. Johnny Depp, Marilyn Monroe, Brad Pitt und wie sie alle heißen, man verbindet sie mit Filmen, aber fallen einem auf Anhieb alle verkörperten Namen ein?

Ich will das auch gar nicht verteufeln, diese Zusammenhänge setzen ist eine wichtige Sache, auch wenn sie von vielen oberflächlich betrieben wird - auch von mir, schließlich laufe ich auch blind in jeden Film, wo beispielsweise Joseph-Gordon Levitt drauf steht.

Ich will viel mehr darauf hinweisen und darüber nachdenken, wieviel so ein Antoine
Doinel für uns bedeuten kann.

So eine Filmfigur kann zu einem Kumpel werden, wir können die Abenteuer gemeinsam erleben, anstatt nur zuzusehen. Wir können uns verlieben in seine Augenbraue, in einen besonderen Blick. Wir lernen ihn kennen, wir haben einen Freund gefunden. Wir wissen was er denkt, kennen seine Vergangenheit, die Gegenwart und können auch manchmal die Zukunft voraussagen. Wir sitzen vor dem Bildschirm und schreien "Nein, tu das nicht, verdammt!"

Wir leiden mit. Wenn Antoine von Colette verletzt wird, hassen wir sie genauso wie er. Wir verstehen einerseits warum Christine Antoine verlässt, aber wir wollen das nicht, weil wir wollen, dass er glücklich ist. Weil wir auch glücklich sein wollen.

Filme sind nicht nur erzählte Geschichten, Filme sind auch Leben. Und zum Leben gehören auch Freunde. Freunde wie Antoine Doinel. Ich sah fassungslos zu, wie er eingesperrt wurde und mit Freude, wie er flüchtete. Ich sah wie er sich verliebte, verletzt wurde, sich wieder aufrappelte. Ich war Schuhverkäuferin, Privatdedektivin, Elektromechanikerin, Blumenanmalerin, Nachtportierin, Schrifstellerin und vieles mehr - all das gemeinsam mit ihm. Es ist so als ob ein guter Freund ganz weit wegzieht und obwohl ihr euch versprecht zu schreiben, weißt du doch, dass du ihn nie wieder siehst. Du hast ein Tränchen im Auge, vielleicht auch zwei. Du hebst die Hand und sagst Au Revoir. Du hast noch all die Fotos, aber es wird nie mehr dasselbe sein. Die Filme wirst du dir immer wieder ansehen können, aber ohne pessimistisch klingen zu wollen, es wird nie wieder so sein wie die erste Sichtung.

Filmfiguren wie Antoine Doinel - Fluch und Segen. Aber die Welt braucht sie. Vor allem die Filmwelt. Es gibt zu wenige von ihnen.

Wenn ich mir vorstelle, dass alle Filmfiguren in einer Parallelwelt zusammen leben, kommen mir die meisten so vor wie reglose Pappaufsteller, die sich nur bewegen, wenn ihr Film eingeschoben wird. Gut zu wissen, dass doch ein paar lebendig rumspazieren und weiterleben.

Ich glaube wir brauchen nicht nur Figuren, die Teil einer Geschichte sind. Wir brauchen auch Figuren, die die Geschichte sind. Und davon mehr, als die paar die es schon gibt. Denn nur weil sie nicht aus Fleisch und Blut sind, sondern nur aus Leinwand oder Bildschirm, heißt das nicht, dass sie nicht unsere Freunde sein könnten.

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