Montag, 12. August 2013

Spotlight on: Voll und ganz und mittendrin - Sneakausgabe #2


„Voll und ganz und mittendrin“ - das klingt nach dem Üblichen Einerlei in Sachen Wohlfühl-Kino, gepaart mit ungeheuerlichen RomCom-Auswüchsen. Doch, wie schon bei „Vielleicht lieber morgen“ im letzten Jahr, weit gefehlt. Hinter diesem unpassenden deutschen Titel („Run and Jump“ im Original um einiges passender!) verbirgt sich ein Kleinod, ein intimes Portrait einer vom Schicksal gebeutelten Familie.

Das Leben von Vanetia gerät vollkommen aus den Fugen, als ihr geliebter Ehemann mit einem Schlaganfall eingeliefert wird. Der Film selbst setzt jedoch einige Monate später ein, als Connor ins Eigenheim überliefert wird um dort wieder Fuß zu fassen. Ihn begleitet der amerikanische Psychiater Ted Fielding um die Familie zwecks Fallstudie zwei Monate lang auf Schritt und Tritt zu verfolgen und sämtliche Vorkommnisse festzuhalten. 

Es ist vorprogrammiert, dass er in das tragische Leben der Familie mit zwei Kindern hineingezogen wird. Seine Professionalität lässt mit der Zeit immer weiter nach, bis er sogar Gefühle für Vanetia zu entwickeln beginnt. Nebenbei ist der Sohn im Teenager-Alter gerade in einer schwierigen Phase....

Auf dem Papier klingt die Szenerie wie Dutzendware. Schon oft gesehen, nur Details verändert. Allerdings steckt in „Voll und ganz und mittendrin“ noch so viel mehr, das sich zu entdecken lohnt. Angefangen bei dem erfrischend aufspielendem Ensemble, das einem sogleich ans Herz wächst. Dreh- und Angelpunkt des Films ist dabei die großartige Maxine Peake, die die Frohnatur Vanetia mit solch herzergreifender Leichtigkeit verkörpert, dass es schmerzt. Durch sie fließen all die aufgestauten Emotionen, wie Wut, Hoffnung, Bangen, Schmerz und Liebe hindurch direkt in das Herz des Zuschauers. Gebannt verfolgt er ihr ständiges Aufbegehren gegenüber der Ungerechtigkeit des Lebens. Ihr zur Seite steht Will Forte als Psychiater, der im Grunde für seine Comedy-Auftritte in der Show Saturday Night Live bekannt ist und mit diesem Film seine Karriere als ernstzunehmender Schauspieler startet. Er bildet das Gegengewicht zu Vanetias Fröhlichkeit, bleibt nüchtern, trocken und analysiert. Erst durch diese vordergründig wild-herzliche Frau, fängt er an, das Leben losgelöst von seiner Arbeit zu betrachten. Die Dynamik und stimmige Chemie dieses ungleichen Films ist es zu verdanken, dass sich „Voll und ganz und mittendrin“ nicht sämtlichen Klischees ergibt. Hinzu kommen noch talentierte Jungdarsteller in den Rollen der beiden Kinder. Selbst der Story-Arc um den Teen mit Problemen ist wohltuend subtil eingefangen, nervt nicht und wirkt niemals überfrachtet. Hierin liegt auch die größte Stärke des Films. 

Versucht das Beste aus der Situation zu machen: Vanetia(Maxine Peake) ©Senator Film Verleih

Regisseurin Steph Green inszeniert in stimmigen Bildern diese im Grunde tragische Geschichte. Sie ist mit der Kamera ständig nah an den Figuren, lässt den Zuschauer unmittelbar teilhaben am Geschehen. Kleine, starke Momente sind überall zu finden. Das Drama baut auf seinem Realismus auf und entwickelt dadurch eine Sogwirkung, der sich der Rezipient wohl kaum entziehen kann. Gleichwohl traurig, als auch witzig wird das Leben selbst eingefangen. Im Mikrokosmos einer Familie entsteht eine Parabel über das Weiterleben bzw. das Überleben. Inmitten all der Hoffnungslosigkeit und den Schicksalsschlägen gibt es doch noch einen Funken Hoffnung auf Besserung. Nichts anderes wünscht sich ein Jeder für diese dem echten Leben entsprungenen Charaktere. In leisen Tönen besitzt der Film eine emotionale Zugkraft, die nur schwer in Worte zu fassen ist. 

Freunden sich langsam aber sicher an: Ted(Will Flocke) und Vanetia ©Senator Film Verleih
„Voll und ganz und mittendrin“ ist unglaublich nahe dran, an der Wirklichkeit. Unprätentiös, wahrheitsgemäß und ohne falschen Pathos. Zum herzhaften Lachen gesellt sich stets ein trauriger Nachgeschmack. Zu leben, heißt nun mal auch nicht, sein Dasein auf einem Ponyhof zu fristen und eben das macht "Voll und ganz und mittendrin" umso wirkungsvoller. Da ist es nur sinnvoll, dass sich Steph Green einem klaren Happy End verweigert. Die Figuren haben – jede für sich – eine Entwicklung durchlaufen, sind gewachsen und zum Teil auch reifer geworden. Doch das Leben lässt sich eben nicht anhalten, endet nicht mit dem Abspann. Es ist ein stetiger Fluss, der nicht aufhört zu fließen. Ebenso wie dieser Film. Der Zuschauer darf selbst entscheiden, wie es nun weitergeht, welche Biegung der Fluss nun letztendlich nimmt. Das macht „Voll und ganz und mittendrin“ nur umso größer. 



©Senator Film Verleih
BEWERTUNG: 9/10
Titel: Voll und ganz und mittendrin
OT: Run and Jump
Kinostart: 05.09.2013
Genre: Tragikomödie
Produktionsland: Deutschland, Irland
Regisseurin: Steph Green
Darsteller: Will Flocke, Maxine Peake, Edward MacLiam, Clare Barrett, Ciara Gallagher, Ri Galway, Kelby Guilfoyle, Tim Landers




Trailer zum Film:



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