Montag, 26. August 2013

Spotlight on: The Congress - Bittere Dystopie in unerwartet warmen Farbtönen / Sneakausgabe #3

Spotlight-Ausgabe #3
Der israelische Regisseur Ari Folman ist kein Mann der Kompromisse. Er setzt seine Vision konsequent für die Leinwand um. Nach dem großartigen „Waltz With Bashir“ wird klar, dass dieser nur der Anfang war. Mit seinem neuesten Film „The Congress“ geht Folman noch ein gutes Stück weiter. Mit einem größerem Budget, namhaften Stars und einer Vorlage, die gehörig Respekt abverlangt. 

Mit „Der futurologische Kongreß“ legte Sci-Fi-Autor Stanislaw Lem einen Meilenstein des Genres vor. Er philosophierte über die Weiterentwicklung der Menschheit anhand des gleichzeitigen Fortschritts im Bereich der Chemie. Halluzinationen, Glück, Reichtum für jedermann. All das aufgrund von Mittelchen, entworfen, um die Bevölkerung ruhig zu stellen. 

Folman nimmt sich dieses Gedankenganges an und spinnt ihn noch ein Stückchen weiter.
„The Congress“ beginnt nämlich als beißende Kritik an Hollywood, das seine (weiblichen) Schauspieler zwingt, ewig jung zu bleiben. Botox, Lifting, unter's Messer legen – all das gehört heutzutage zum Alltag. 

In einer ähnlich schwierigen Phase ihrer Karriere befindet sich Darstellerin Robin Wright. Ihre besten Tage sind gezählt, Rollen sind rar gesät und ihr kranker Sohn fordert viel Aufmerksamkeit. Da bekommt sie vom schmierigen Studioboss die Möglichkeit, einen Haufen Geld zu machen. Die Kehrseite der Medaille: Sie darf niemals wieder schauspielern. 

Wovon Robert Zemeckis mit seinem Motion Capture-Verfahren („Der Polar-Express“ oder „Die Legende von Beowulf“) nur träumen konnte, wird in „The Congress“ traurige Gewissheit. Wright wird in einer riesenhaften Maschine eingescannt. Jegliche Regungen, Gefühle, ihr Lachen und Weinen. All das wird nun auf einen Computerchip gepresst um sie auf ewig jung wirken zu lassen. Die Frau aus Fleisch und Blut verschwindet und an ihre Stelle tritt eine makellose Kopie ihrer Selbst. 

Robin Wright lässt sich scannen, verkauft sich. ©Pandora Filmverleih

Folman geht hiermit überdeutlich auf aktuell vorherrschende Zustände ein. Eine Einrichtung, die ihre Darstellerinnen nur noch nach Jugendlichkeit castet und nicht nach Können, gestandene Frauen, die sich Gift in ihr Gesicht spritzen müssen um noch attraktiv zu wirken und ihre Fähigkeit Gefühle auf der Leinwand darzustellen drastisch mindern(-> Nicole Kidman).

Dies ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Im Folgenden nimmt sich Folman der Vorlage genauer an und „The Congress“ entwickelt sich zu einer Dystopie, die ironischerweise in grellen und warmen Farben erstrahlt. 

Die Welt hat sich nun verändert. Menschen können sich nun mittels Fläschchen in einer Zone in animierte Figuren verwandeln. Die Technologie ist derart fortgeschritten. 

Dies führt Robin Wright in eine Welt, der keine Grenzen gesetzt sind. Der Zuschauer wird von der plötzlichen Intensität der Bilder, ihren wilden Farben und irren Zusammensetzung beinahe erschlagen. Folman ergötzt sich an Übertreibungen, streut in fast jedem Bild popkulturelle Referenzen ein, die der Rezipient gar nicht allesamt verarbeiten kann. Die internationale Co-Produktion, an der insgesamt 5 Jahre gearbeitet wurde, geizt nicht mit Schauwerten, sprengt den Rahmen des Genres und setzt ihn wieder neu zusammen. Nichts ist wie es scheint, alles ist Einbildung, alles ist echt. Jeder entscheidet, was er sehen möchte und wie er es sehen möchte. Dieser Satz trifft wohl auch auf die Zuschauer dieses Films zu. Wer sich nämlich von der überaus grellen Oberfläche ablenken lässt, verpasst, was darunter liegt. Hinter all dem Pomp, den Stilbrüchen und der vor Kreativität schier berstenden Animationen verbirgt sich eine unbehagliche, ja, beinahe schon Angst einflößende Zukunftsvision. Aus anfänglichem Staunen angesichts der Möglichkeiten wird Unbehagen. Folman setzt Lems Version einer möglichen Zukunft dabei kongenial um. Wright findet sich gefangen in einer Traumwelt, in der Hochhäuser Flügel wachsen und Menschen jegliches Aussehen annehmen können. Doch was ist Wirklichkeit? Die durch Chemie verursachten Halluzinationen oder das Leben ohne jegliche künstliche Substanzen? Wer definiert das noch? Welches dieser Leben ist besser bzw. erstrebenswerter? 

In einem Wirrwarr aus Farben, Eindrücken und Gefühlen findet sich Robin wieder. ©Pandora Filmverleih

Die Antwort, die Folman uns bietet, ist niederschmetternd. Anders als noch Neill Blomkamp in „Elysium“ gibt sich dieser letzten Endes nämlich nicht dem Kitsch und der kindlichen Alles-wird-wieder-gut-Mentalität hin.

Die Welt ist, trotz der plötzlichen Farbenpracht, der energetischen Hochglanzbilder und der unerhörten Möglichkeiten ein trauriger, kalter und kranker Ort geworden. Eingebettet in einem fantastischen Score sorgt Folmans lose Adaption des in den 70ern geschriebenen Buches für ein Gefühl der Leere und macht aus „The Congress“ einen der intelligentesten Science Fiction-Filme der letzten Jahre. 

Ungemein vielschichtig, mit wichtigem Subtext versehen und eine – trotz farbenfroher Bilder – unheimliche Zukunft. „The Congress“ ist ein Film, der garantiert niemanden kalt lassen wird. Wer sich nach Einsetzen des Abspanns noch ein wenig mit der Prämisse des Streifens, sowie seiner generellen Aussage beschäftigt und sich nicht von den Animationen abschrecken lässt, wird erkennen: Hierbei handelt es sich um ein Meisterwerk zweier (Folman und Lem) Visionäre. Punkt.

©Pandora Filmverleih
 BEWERTUNG: 9/10
Titel: The Congress
Kinostart: 12.09.2013
Genre: Science Fiction
Produktionsland: USA, Deutschland, Frankreich, Belgien, Israel, Luxemburg, Polen
Regisseur: Ari Folman
Darsteller: Robin Wright, Harvey Keitel, Jon Hamm, Paul Giamatti, Danny Huston




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